Hartmut E. H. Lenk (Hrsg.)

Beiträge zur Fremdsprachenvermittlung 2011 (Sonderheft 10):

FINNLAND

Geschichte, Kultur und Gesellschaft

29,90

Bibliographische Angaben

Herausgeber Hartmut E. H. Lenk
Autoren Ulrich Breuer
Ruth Büttner
Rainer Domisch
Eike Fuhrmann
Vesa Haapala
Irma Hyvärinen
Harri Kaitila
Pekka Kauppala
Kari Keinästö
Hannele Kohvakka
Sampsa Konttinen
Gérard Krebs
Aino Kärnä
Hartmut E. H. Lenk
Minna Maijala
Janne Mäkelä
Anne Männikkö
Dagmar Neuendorff
Marja-Leena Piitulainen
Margita Pätzold
Anna Rissanen
Hannes Saarinen
Pirkko Sallinen-Gimpl
Gabriele Schrey-Vasara
Daniel Schrödl
Mariann Skog-Södersved
Taru Tuomela
Marja Ursin
Sabine Ylönen
Band/Heft 10
Erscheinungsjahr 2011
Auflage 2
ISBN-13 978-3-941320-69-7
ISBN-10 3-941320-69-6
ISSN 1861-3632
Seiten 708
Sprache Deutsch
Bindung Softcover
Zusätzliche Erläuterungen 2., erweiterte und aktualisierte Auflage

Inhaltsverzeichnis


Beiträge

Hannes Saarinen
Von der Peripherie ins Zentrum Europas
Deutschland und Finnland im Laufe der Geschichte

Ruth Büttner
Zwei ungleiche Partner
Die deutsch-finnischen Wirtschaftsbeziehungen nach 1945

Aino Kärnä
Von Morastbewohnern zu Musterschülern
Das frühe Finnlandbild in Deutschland

Daniel Schrödl
PISA, Nokia, Sauna
Ein neues Finnlandbild junger Menschen in Deutschland?

Anna Rissanen
Kulmination vor einhundert Jahren
Ein Überblick über die finnisch-österreichischen Kulturbeziehungen

Gérard Krebs
Kultala und Koipeliini
Zum Beginn schweizerisch-finnischer Literaturbeziehungen

Pekka Kauppala
Dauernder Drahtseilakt
Historische Aspekte der Beziehungen Finnlands zu seinem Nachbarn im Osten

Gabriele Schrey-Vasara
Einst privater Lesezirkel – heute Fachbibliothek für die deutschsprachigen Literaturen
Die Deutsche Bibliothek Helsinki

Eike Fuhrmann
„Unser Weihnachtsmann wohnt im Süden.“
Zur Geschichte der Goethe-Institute in Finnland

Hartmut E. H. Lenk
Vom Sprachunterricht zum Kooperationspartner der finnischen Germanistik
Das Deutschlektorat beim DDR-Kulturzentrum Helsinki

Sabine Ylönen
Austauschstudenten in Finnland und Deutschland
Ergebnisse einer Bedarfsanalyse

Margita Pätzold
Was haben die Finnen ...?
Bericht über eine Bildungsreise in Sachen Bildung

Rainer Domisch
Innovation und Integration
Zur Entwicklung des finnischen Schulsystems

Irma Hyvärinen
Wegbereiter des modernen Fremdsprachenunterrichts
Zur Geschichte des finnischen Deutschunterrichts im Spiegel der Jahrgänge 1899-1951 der NEUPHILOLOGISCHEN MITTEILUNGEN

Minna Maijala
Touristische Blicke und DDR-Alltag
Darstellung von Geschichte in finnischen Deutschlehrwerken der gymnasialen Oberstufe

Taru Tuomela
Berufsbezogener Deutschunterricht an den Fachhochschulen Finnlands

Kari Keinästö und Dagmar Neuendorff
Zur Aktualität älterer Forschungstraditionen in der finnischen Germanistik der Gegenwart

Marja-Leena Piitulainen
Sprach- und Kommunikationsvergleich Finnisch-Deutsch

Ulrich Breuer und Marja Ursin
Präliminarien zur Geschichte der germanistischen Literaturwissenschaft in Finnland

Anne Männikkö
Philologie – mit oder neben Translationswissenschaft
Zum Selbstverständnis der Germanistik an den Universitäten in Finnland

Hannele Kohvakka und Hartmut E. H. Lenk
Reformen ohn’ Unterlass
Die weitreichenden Veränderungen an finnischen Universitäten – am Beispiel der Helsinkier Germanistik

Vesa Haapala
Strömungen der finnischen Gegenwartsliteratur

Pirkko Sallinen-Gimpl
Zeiten des Wandels in der finnischen Volkskultur

Mariann Skog-Södersved
Keineswegs nur schweigen in zwei Sprachen …
Finnlandschwedische Aktivitäten

Sampsa Konttinen
Kammermusik – ein wesentlicher Teil der Musikausbildung an finnischen Fachhochschulen

Harri Kaitila
Tango in finnischem Gewand

Janne Mäkelä
Stimmen aus dem Norden
Die finnische Popularmusik auf dem deutschen Markt


Beschreibung der Beiträge

Von der Peripherie ins Zentrum Europas
Deutschland und Finnland im Laufe der Geschichte

Hannes Saarinen

Beziehungen zwischen zwei Ländern werden meist als politische Beziehungen zwischen Staaten, im weiteren Sinne als kulturelle und wirtschaftliche Kontakte verstanden. Migrationsbewegungen sind ein weiterer, speziellerer Gegenstand. Die Zeitspanne der bilateralen staatlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Finnland ist kurz: Sie umfaßt nicht einmal hundert Jahre, während kulturelle Einflüsse weit über die Zeit hinaus, seit der man überhaupt von Deutschland und Finnland sprechen kann, zurückreichen. Lange war nur eine Richtung vorherrschend, von Süden nach Norden. Die tradierten und bewußt gepflegten Erinnerungen sind unterschiedlich stark und von unterschiedlicher Dauer gewesen. Auch die Wahrnehmung ist von anderer Intensität, je nachdem ob der Blick vom Norden in die Mitte Europas oder aus dem Zentrum an die Peripherie gerichtet wird.

Zwei ungleiche Partner
Die deutsch-finnischen Wirtschaftsbeziehungen nach 1945

Ruth Büttner

Dieser Überblick über die finnisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen seit dem Zweiten Weltkrieg zeigt, dass es ein weiter Weg war, bis Deutschland wieder zum wichtigsten Wirtschaftspartner Finnlands avancierte. Das lag in erster Linie an den politischen Besonderheiten der Nachkriegsjahrzehnte, an der Trennung Europas in Ost und West, aber auch an den Besonderheiten der finnischen wirtschaftlichen Entwicklung. Es wird ein Blick auf die besondere Rolle der Ostsee im finnisch-deutschen Handel und Wandel und auf die Frage von Zentrum und Peripherie in den gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen geworfen.

Von Morastbewohnern zu Musterschülern
Das frühe Finnlandbild in Deutschland

Aino Kärnä

Der vorliegende Beitrag bespricht historische Finnlandbeschreibungen, angefangen von den frühesten antiken Erwähnungen bis zu den Lexika des 19. Jahrhunderts, um der Frage nachzugehen, welches Finnlandbild dem deutschen Publikum im Laufe der Geschichte in seinen Informationsquellen dargeboten wurde. Drei Typen von Quellen werden untersucht: Karten, Enzyklopädien und Reiseberichte. Exemplarisch werden einige wiederkehrende Themen aufgegriffen, wie die Beschreibungen des Landes sowie Auffassungen über die Sprache, Kultur und Menschen in Finnland.

PISA, Nokia, Sauna
Ein neues Finnlandbild junger Menschen in Deutschland?

Daniel Schrödl

Die hier präsentierten Ergebnisse beruhen auf Interviews von 758 Studierenden in Würzburg. sie wurden befragt nach den mentalen Bildern, die sie von den nordeuropäischen Ländern haben. Mittels verschiedener Fragetechniken wurden affektive, kognitive und konative Komponenten dieser Images ebenso erfasst wie die Faktoren, die zu deren Entstehung beitragen. Der Beitrag konzentiert sich auf das Image Finnlands, stellt aber auch Vergleiche zu den anderen nordischen Ländern her. Im Vergleich zu Dänemark, Norwegen und Schweden ist Finnland bei den befragten Studierenden in Süddeutschland deutlich weniger bekannt. Mit Finnland werden vor allem Hightech, Innovationsfähigkeit sowie Bildungs- und Zukunftschancen assoziiert, aber auch Kälte und Dunkelheit, Lage an der Peripherie und soziale Probleme. Daneben gelten Finnen/innen oft auch als unkonventionell, sogar schrill, verrückt und komisch. Insgesamt verfügt Finnland aber über ein positives Image und gilt als europäisches Land, das gute Entwicklungs- und Profilierungsmöglichkeiten besitzt.

Kulmination vor einhundert Jahren
Ein Überblick über die finnisch-österreichischen Kulturbeziehungen

Anna Rissanen

Die Jahrhundertwende war ein goldenes Zeitalter für die finnisch-österreichischen Kulturbeziehungen. Auf den Gebieten der Literatur, Architektur, Musik und Kunst war der kulturelle Austausch zwischen Finnland und Österreich sehr rege; in Finnland interessierte man sich sehr für die neuen Trends in Österreich, aber auch die Finnen hatten einige Chancen, ihr künstlerisches Schaffen in Österreich zu präsentieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg flaute das Interesse an den deutschsprachigen Kulturen in Finnland mehr und mehr ab, und man begann sich stärker an der angloamerikanischen Kultur zu orientieren. – Finnland und die Republik Österreich haben Maßnahmen ergriffen, um den kulturellen Austausch zwischen den beiden Staaten zu fördern. Dabei ist das um die Jahrhundertwende entstandene klischeehafte, äußerst positive Bild von Österreich als eine Art von „Traumland“ immer noch sehr lebendig und auch heute noch sehr stark sogar in den Köpfen der finnischen Jugend verankert.

Kultala und Koipeliini
Zum Beginn schweizerisch-finnischer Literaturbeziehungen

Gérard Krebs

Vor 171 Jahren wurde mit Heinrich Zschokkes Erzählung Das Goldmacherdorf zum ersten Mal ein Werk der schönen Literatur aus der deutschsprachigen Schweiz ins Finnische übertragen. Das im Jahre 2004 zum fünften Mal aufgelegte Werk Kultala hat heute einen festen Platz unter den Klassikern der finnischen Literatur. – 1857 gelangte, wenn auch nur bruchstückhaft und in einer vom Original zum Teil stark abweichenden Übersetzung, ein erstes, zugleich auch ganz besonderes Werk aus der französischen Schweiz nach Finnland: die Bildgeschichte Histoire de Monsieur Cryptogame von Rodolphe Töpffer, die sich in ihrer finnischen Version ebenfalls lange Zeit grosser Beliebtheit erfreuen konnte.

Dauernder Drahtseilakt
Historische Aspekte der Beziehungen Finnlands zu seinem Nachbarn im Osten

Pekka Kauppala

Die finnisch-russischen Beziehungen haben eine sehr schwere und emotional belastete Geschichte hinter sich. Im Mittelalter war die Rolle Russlands in erster Linie die eines wenig erfolgreichen imperialen Konkurrenten von Schweden mit dem Ziel der Eingliederung der finnischen Territorien in das eigene Reich. Nachdem Schweden im 17. Jahrhundert den Höhepunkt seiner Macht erreicht hatte, schwand diese im Verlaufe des 18. Jahrhunderts völlig, was 1809 mit der endgültigen Auslieferung aller finnischen Gebiete an Russland endete. Abgesehen vom konfliktreichen Ende in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis 1917 war Finnlands Zeit in der Obhut des russischen Imperiums eine Zeit des ökonomischen und kulturellen Aufstiegs. Die Zeit der finnischen Unabhängigkeit brachte als Hauptproblem des neuen Staates das schwierige, aber letztlich erfolgreich gemeisterte Verhältnis zur Sowjetunion mit sich.

Einst privater Lesezirkel – heute Fachbibliothek für die deutschsprachigen Literaturen
Die Deutsche Bibliothek Helsinki

Gabriele Schrey-Vasara

Der Beitrag gibt einen knappen Überblick über die Geschichte der 1881 gegründeten Bibliothek, über heutige Bestände und Nutzung sowie über die Publikationsreihe der Bibliothek. Wie zahlreiche öffentliche Bibliotheken in Finnland aus einem privaten Lesezirkel entstanden und in den 1920er Jahren unter Mitwirkung von Erwin Ackerknecht nach dem Modell der deutschen Volksbibliotheken reformiert, wurde sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges vornehmlich von den Angehörigen der „deutschen Kolonie“ in Helsinki genutzt. Ab 1955 entwickelte sie sich zur wissenschaftlichen Bibliothek, deren Publikum sich heute zu zwei Dritteln aus Finnen rekrutiert.

„Unser Weihnachtsmann wohnt im Süden.“
Zur Geschichte der Goethe-Institute in Finnland

Eike Fuhrmann

Die knapp 50jährige Geschichte der Goethe-Institute in Finnland wird skizziert vor dem Hintergrund der deutschen auswärtigen Kulturpolitik, die u.a. dadurch charakterisiert ist, dass wesentliche Aufgaben an regierungsunabhängige Institutionen übertragen sind – darunter das Goethe-Institut. Kontext im engeren Sinne sind die konzeptionelle Entwicklung der (west)deutschen Außenkulturpolitik sowie der dem Goethe-Institut hierbei zugewiesenen Rolle zum einen, zum anderen die Rahmenbedingungen der finnischen Außenpolitik seit 1948, wie sie sich im Verhältnis zwischen Finnland und den beiden deutschen Staaten einerseits, deren außenkulturpolitischem Wettstreit in Finnland bis 1989 andererseits niederschlugen. Bereits in Folge der KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975 büßte das einst zum „Schwerpunktland“ der westdeutschen Außenkulturpolitik erklärte Finnland diese Rolle ein; die Wiedervereinigung, die Setzung neuer Prioritäten, nicht zuletzt auch die Entwicklung der Informationstechnologie führten in ganz Westeuropa, damit auch in Finnland zu einer drastischen Verringerung der Institute – sowohl ihrer Anzahl wie der personellen und materiellen Ausstattung der verbliebenen Einrichtungen. – Eine Zeittafel ergänzt die Textdarstellung.

Vom Sprachunterricht zum Kooperationspartner der finnischen Germanistik
Das Deutschlektorat beim DDR-Kulturzentrum Helsinki

Hartmut E. H. Lenk

Das 1960 in Helsinki eingerichtete Deutschlektorat war ab 1967 nach außen hin Teil des DDR-Kulturzentrums, unterstand aber der Arbeitsgruppe Deutsch als Fremdsprache des Staatssekretariats bzw. des späteren Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen. Bildeten anfangs der Sprachunterricht und die Lehrerweiterbildung die wichtigsten Arbeitsfelder, so verlagerte sich der Schwerpunkt allmählich auf die fachlichen Kontakte zur finnischen Germanistik. Nicht überall dauerhaft, doch wenigstens für eine gewisse Zeit waren an fast allen germanistischen Instituten der finnischen Universitäten DDR-LektorInnen tätig. – Die Zusammenarbeit zwischen dem Deutschlektorat und der finnischen Germanistik realisierte sich nicht zuletzt in Form von regelmäßigen bi- und multilateralen Fachkonferenzen und in verschiedenen Publikationsreihen.

Austauschstudenten in Finnland und Deutschland
Ergebnisse einer Bedarfsanalyse

Sabine Ylönen

Studentische Mobilität wird heute von zahlreichen EU-Förderprogrammen und Bildungseinrichtungen unterstützt, was zu einer stetigen Zunahme an AustauschstudentInnen geführt hat. In den ersten Jahren nach Einrichtung des ERASMUS-Programms der Europäischen Kommission waren Sprachlehre und -lernen noch nicht auf die damit verbundenen kommunikativen Herausforderungen eingestellt. Erst die SOKRATES-Aktion Lingua 2 hatte sich die Verfügbarkeit einer ausreichenden Zahl an Sprachlernmaterialien zur Förderung der mit der Mobilität verbundenen Anforderungen zum Ziel gesetzt. Im vorliegenden Beitrag werden die Ergebnisse einer in Finnland und Deutschland durchgeführten Bedarfsanalyse vorgestellt, die die Grundlage zur Produktion multimedialer Sprachtrainingsprogramme für AustauschstudentInnen bildete. Diese Programme können kostenlos aus dem Internet heruntergeladen werden (unter der Adresse www.euro-mobil.org).

Was haben die Finnen ...?
Bericht über eine Bildungsreise in Sachen Bildung

Margita Pätzold

Dieser Beitrag vermittelt eine Außensicht auf das finnische Schulsystem. Eine Sicht, wie sie durch ein mehrwöchiges Praktikum an verschiedenen Schulen und Bildungseinrichtungen von deutschen Lehramtsstudierenden und mir als Hochschulbetreuerin gewonnen wurde. Das war im Jahre 2003. Inzwischen hat sich der Bildungstourismus so verstärkt, dass man eigens ein Portal im Internet dazu installiert hat. Warum werden vom Rest Europas in Finnland und anderen skandinavischen Ländern Entwicklungsmodelle auf vielen Gebieten gesucht? Findet man dort etwas, was woanders verloren ging oder noch nie war? Uns ging es um die Schulentwicklung Finnlands und die gerade begonnene Bildungsdiskussion in Deutschland. Das fremde Land und die fremde Schule schafften gewollt Distanz zu gewohnten Denk- und Wahrnehmungsmustern. Trotz aller Begeisterung für die finnische Schule haben wir einen kritischen Blick gewahrt.

Innovation und Integration
Zur Entwicklung des finnischen Schulsystems

Rainer Domisch

Das Schulsystem eines Landes ist ein Indikator für den Stellenwert von Bildung, die man der nachwachsenden Generation und der zukünftigen Entwicklung einer Gesellschaft zuschreibt. Neben die historische Entwicklung von Schulstruktur und Lernkultur treten Herausforderungen der mehr und mehr global bestimmten Abläufe der kommenden Jahrzehnte. Man spricht heute rückblickend von Übergängen aus der Agrargesellschaft in die industrielle Gesellschaft und in die Informations- und Wissensgesellschaft und denkt an die bevorstehende biotechnologische Gesellschaft. Trotz unterschiedlicher Einschätzungen herrscht kein Zweifel darüber, dass sich das Zusammenleben in einer Gesellschaft immer komplizierter gestaltet. Und dass es keine bessere Versicherung für das erfolgreiche Mitkommen der nachwachsenden Generationen gibt als eine qualifizierte schulische Grundbildung für jeweils den ganzen Schülerjahrgang. In Finnland hat man die Weichen in der Bildungsplanung für kommende Jahrzehnte in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts radikal neu gestellt. Die Ergebnisse der PISA-Studien bescheinigten Finnland, dass man sich damals auf keinen falschen Weg gemacht hat. Man hat das in Finnland selbst eher nebenbei zur Kenntnis genommen und weiß, dass man nicht stehen bleiben darf, sondern sich zukunftsorientiert schöpferisch weiterentwickeln muss.

Wegbereiter des modernen Fremdsprachenunterrichts
Zur Geschichte des finnischen Deutschunterrichts im Spiegel der Jahrgänge 1899-1951 der NEUPHILOLOGISCHEN MITTEILUNGEN

Irma Hyvärinen

Finnland gilt traditionell als ein Land, in dem vielseitige Fremdsprachenkenntnisse hoch im Kurs stehen und Deutsch als Fremdsprache im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern bis Ende des 20. Jahrhunderts eine starke Stellung hatte. Der vorliegende Beitrag geht zum einen den unterrichtsadministrativen Hintergründen des breiten Fremdsprachenangebots und der führenden Stellung von Deutsch als Fremdsprache bis Mitte des 20. Jahrhunderts nach. Den zweiten Hauptstrang bildet ein Überblick über die Rezeption der internationalen Reformdebatte um die Wende zum 20. Jahrhundert und über die praktische Umsetzung von innovativen Methoden im Fremdsprachenunterricht. Die Reformideen wurden jedoch erst mit dem Lehrplan für staatliche Oberschulen von 1941 in einer gemäßigten Form festgehalten, und zu einem Durchbruch in der Unterrichtspraxis kam es erst mit dem Einzug der audiolingualen Methode in den 1960er Jahren sowie mit der Gesamtschulreform und dem Ersatz der Übersetzungsaufgaben durch andere Testformen in den Abiturprüfungen seit den 1970er Jahren.

Touristische Blicke und DDR-Alltag
Darstellung von Geschichte in finnischen Deutschlehrwerken der gymnasialen Oberstufe

Minna Maijala

Im Rahmen dieses Beitrages wird die Darstellung von Geschichte in finnischen Deutschlehrwerken nach thematischen Schwerpunkten behandelt. Auch im Zeitalter moderner Medien spielt das Lehrwerk (noch) die entscheidende Rolle im Fremdsprachenunterricht. Oftmals ist aus Sprachlehrwerken eine Art „geistige Einstellung“ zur Geschichte des Zielsprachenlandes zu erkennen. Dies trägt mit dazu bei, welches Bild im jeweiligen Land von Deutschland und den anderen deutschsprachigen Ländern entsteht. Untersuchungsgegenstand sind Lehrwerke für das Fach Deutsch in der gymnasialen Oberstufe (fi. lukio) in der Zeitspanne vom Anfang der neunziger Jahre bis heute. Im Ausblick erfolgt eine Auseinandersetzung mit der Bedeutung der Geschichte in Deutschlehrwerken.

Berufsbezogener Deutschunterricht an den Fachhochschulen Finnlands

Taru Tuomela

In diesem Beitrag wird der Deutschunterricht an den finnischen Fachhochschulen besonders unter dem Gesichtspunkt der speziellen Herausforderungen im Zusammenhang mit seiner Praxis- und Berufsbezogenheit betrachtet. Außerdem wird das Kursangebot mit den allgemeinen Zielen der Sprachausbildung an den Fachhochschulen verglichen. – Die deutsche Sprache wird in den meisten Studiengängen nur als Wahlfach angeboten. Auch in den Studienrichtungen, bei denen eine dritte Fremdsprache obligatorisch ist, gibt es große Unterschiede im Hinblick auf Umfang und Art der Kurse. – Der Beitrag vergleicht das Deutschangebot in den verschiedenen Fachhochschulen und untersucht besonders den beruflichen Aspekt der Kurse. Darüber hinaus wird analysiert, in welchem Verhältnis die Zahl der angebotenen Basiskurse zur Anzahl fachlich orientierter Kurse steht. Schließlich stellt die Arbeit ein Projekt vor, das sich zum Ziel gesetzt hat, den berufsbezogenen Sprachunterricht mit Hilfe des europäischen Referenzrahmens für die Fachhochschulen weiterzuentwickeln.

Zur Aktualität älterer Forschungstraditionen in der finnischen Germanistik der Gegenwart

Kari Keinästö und Dagmar Neuendorff

In dem folgenden Beitrag wird gezeigt, wie sich die finnische Germanistik in den gut 100 Jahren ihres Bestehens entwickelt und Neues aufgenommen hat, ohne dabei das Alte zu verlieren, wie es vielmehr gelingt, dieses Alte mit dem Neuen kreativ zu verbinden. Dieser Weg wird anhand der Besetzungen der germanistischen Professuren an neun finnischen Universitäten nachgezeichnet. Dadurch entsteht ein Bild über die thematische Vielfalt und Breite bis hin zu den Profilen des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Sprach- und Kommunikationsvergleich Finnisch-Deutsch

Marja-Leena Piitulainen

Im folgenden Beitrag wird der deutsch-finnische Sprach- und Kommunikationsvergleich zunächst aus einer methodologischen Perspektive betrachtet, wobei anhand von Beispielen für deutsch-finnische Analysen gezeigt wird, welche Methoden zur Datenerhebung eingesetzt wurden und wie uni- bzw. bilaterale Verfahrensweisen bei der Kontrastierung sichtbar werden. Dann folgt ein Überblick über behandelte Themen, wobei neben Projekten, Doktorarbeiten und sonstigen Einzeluntersuchungen exemplarisch auch unveröffentlichte Magisterarbeiten berücksichtigt werden. Der Überblick zeigt, dass in den letzten Jahren text- und diskursorientierte Kontrastierungen sehr beliebt geworden sind, wobei besonders viele Textsorten unter verschiedenen Aspekten analysiert wurden. Neben „rein“ kontrastiven sprachverwendungsorientierten Themen sind in vielen Untersuchungen auch Probleme der interkulturellen Kommunikation behandelt worden. Die Beliebtheit text- und diskursorientierter Arbeiten bedeutet aber nicht, dass mehr oder weniger traditionelle systemorientierte Bereiche in Vergessenheit geraten wären: Grammatische und lexikologische Themen bewähren sich gut und werden oft im Hinblick auf Interferenz und andere Fehlerquellen analysiert, was aus der Sicht des Deutschen als Fremdsprache völlig verständlich und zugleich auch motivierend ist.

Präliminarien zur Geschichte der germanistischen Literaturwissenschaft in Finnland

Ulrich Breuer und Marja Ursin

Der Beitrag skizziert die im Frühjahr 1989 einsetzende Geschichte der Germanistischen Literaturwissenschaft in Finnland. Er stellt das Sozialsystem des Teilfachs dar, gibt einen Überblick über die in Finnland seit dem 19. Jahrhundert publizierten Arbeiten zur deutschsprachigen Literatur, zeigt die bestehenden Publikationsmöglichkeiten auf und gewährt einen Einblick in den Stand der fachspezifischen Selbstreflexion, wobei auch auf Zukunftsperspektiven eingegangen wird.

Philologie – mit oder neben Translationswissenschaft
Zum Selbstverständnis der Germanistik an den Universitäten in Finnland

Anne Männikkö

Dieser Beitrag gibt Information über die Bezeichnungen und Position der germanistischen Fächer oder Linien an den finnischen Universitäten, wobei insbesondere die Verbindungen zur Translationswissenschaft bzw. dem Übersetzen und Dolmetschen Deutsch thematisiert werden. Es geht außerdem um die Frage, was unter Germanistik an finnischen Universitäten verstanden wird. Das Selbstverständnis der finnischen Germanistik wird mittels dreier Indikatoren eruiert: durch die Bezeichnungen, mit denen die Fächer oder Linien sich selbst benennen, mittels der Schlüsselwörter in ihrer Selbstdarstellung, und drittens anhand der Diskussion im Fach selbst.

Reformen ohn’ Unterlass
Die weitreichenden Veränderungen an finnischen Universitäten – am Beispiel der Helsinkier Germanistik

Hannele Kohvakka und Hartmut E. H. Lenk

Mehr Studierende werden von weniger Lehrkräften immer intensiver betreut, wobei die Aufgaben in der Verwaltung zunehmen und jeder Lehrende auch forschen soll – so kann man die Entwicklung der vergangenen Jahre an vielen philologischen Instituten in Finnland zusammenfassend beschreiben. Durch verschiedene Reformen in den beiden letzten Jahrzehnten wurden die Handlungsspielräume der Institute sowie die Arbeitsaufgaben der verschiedenen Gruppen innerhalb des Lehrpersonals z.T. deutlich verändert. Dies wird am Beispiel der Helsinkier Germanistik erläutert, wo sich einige typische Tendenzen besonders klar zeigen. 2005/06 waren hier gleich drei größere Zusatzprojekte zu realisieren: Die Studienreform nach dem Bologna-Abkommen, die Einführung eines neuen Gehaltssystems und die Evaluierung der Forschung durch eine internationale Expertenkommission. Wesentlich einschneidender als diese Reformen sind jedoch die Veränderungen, die mit dem Beginn des Jahres 2010 wirksam wurden.

Strömungen der finnischen Gegenwartsliteratur

Vesa Haapala

Die finnische Prosa und Lyrik hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine interessante Entwicklung durchlaufen. In der Prosa, wo der historische Roman nach wie vor eine herausragende Position einnimmt, verlief die Entwicklung vom Realismus zum Postmodernismus. Statt die Geschichte historischer Persönlichkeiten und Ereignisse mit einem klaren Wahrheitsanspruch darzustellen, gewinnen mögliche Welten und eine Problematisierung historiografischen Schreibens an Gewicht. Dabei rückt zugleich die Geschichte einfacher Menschen stärker ins Blickfeld. Die finnische Lyrik hingegen geht bereits über postmodernistische Fragestellungen hinaus und akzentuiert das dichterische Tun, das sprachliche Handeln als solches, wobei sie eine enge Beziehung mit der gewandelten Medienumwelt und deren neuen Möglichkeiten, Paradigmen und Handlungsmustern eingeht.

Zeiten des Wandels in der finnischen Volkskultur

Pirkko Sallinen-Gimpl

Die finnische Volkskultur hat in den letzten gut einhundert Jahren große Veränderungen durchlebt. Sie können in mehrjährigen Entwicklungsperioden erfasst werden, während sich einzelne technische oder andere Innovationen recht schnell im ganzen Land verbreitet haben. – Die Unterschiede zwischen den Regionen basieren auf einer alten Kulturgrenze, die Finnland auf einer Nord-Süd-Linie spaltet. Viele kulturelle Phänomene sind jedoch weit älter: Die westlichen haben sich von Schweden her verbreitet, die Erscheinungen in der östlichen Landeshälfte sind entweder westlichen Ursprungs oder entspringen osteuropäischen Einflüssen aus dem Mittelalter.

Keineswegs nur schweigen in zwei Sprachen …
Finnlandschwedische Aktivitäten

Mariann Skog-Södersved

Nach der Verfassung Finnlands sind Finnisch und Schwedisch die beiden gleichberechtigten Nationalsprachen des Landes. Knapp 6 % der Bevölkerung Finnlands geben Schwedisch als ihre Muttersprache an. Die Finnlandschweden leben vor allem an der Süd-, an der Westküste und auf den (zwischen Finnland und Schweden gelegenen) Åland-Inseln, wo nur das Schwedische Amtssprache ist. – Das Finnlandschwedische ist eine regionale Varietät der schwedischen Sprache und weist in Phonetik, Wortschatz und Syntax einige Besonderheiten gegenüber dem Reichsschwedischen auf. In den vergangenen Jahrzehnten hat es nicht nur seine Stellung als zweite Nationalsprache behauptet, sondern sein Prestige in gewissen Bereichen sogar erhöht. Dies zeigt sich nicht zuletzt in der gewachsenen Zahl der als schwedischsprachig registrierten Kinder und der in schwedischsprachigen Schulen angemeldeten Schulanfänger, sondern auch am Interesse für den schwedischsprachigen Immersionsunterricht. Zu dem hohen Ansehen des Schwedischen in Finnland trägt die Tatsache bei, dass es schwedischsprachige Schulen, Hochschulen und Massenmedien gibt, dass die Finnlandschweden ein reichhaltiges kulturelles Leben aufrecht erhalten und in eigenen politischen Organisationen aktiv sind.

Kammermusik – ein wesentlicher Teil der Musikausbildung an finnischen Fachhochschulen

Sampsa Konttinen

Der Musikerberuf ändert sich schnell und wird immer vielseitiger. Die Hochschulausbildung in Europa muss nach dem Bologna-Modell umstrukturiert werden. Die öffentliche Finanzierung des Musiklebens und der Ausbildung von Musikern wird reduziert. – Die Fachhochschule Jyväskylä sucht gemeinsam mit ihren europäischen Partnern nach neuen Wegen, um solche Schwerpunkte und Strukturen der Ausbildung zu entwickeln, die besser den Anforderungen des künftigen Musiklebens entsprechen. Die Leitidee lautet ‚Teamarbeit mit Klang‘.

Tango in finnischem Gewand

Harri Kaitila

Der Tango, Mitte des 19. Jahrhunderts von andalusischen Auswanderern in Argentinien populär gemacht, kehrte im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts über Paris nach Europa zurück und wurde in der Zeit des Ersten Weltkrieges auch in Finnland populär. Seine typisch finnische Prägung – eine Mischung aus sentimentaler Melancholie, russischer Romanze sowie Marschrhythmen – erhielt er in den späten 40er Jahren. Seine Blütezeit erlebte der finnische Tango in den 50er und 60er Jahren, und seit Ende der 80er Jahre gelangte er erneut zu hoher Popularität. Heute ist er ein fester Bestandteil der finnischen Seele und wird wegen seiner Ausdruckstiefe und Interpretationsmöglichkeiten immer mehr auch von Musikern aus dem Bereich der Klassik entdeckt.

Stimmen aus dem Norden
Die finnische Popularmusik auf dem deutschen Markt

Janne Mäkelä

Die finnische Popularmusik ist seit Beginn des 21. Jahrhunderts international sehr erfolgreich. Gruppen wie HIM, The Rasmus, Nightwish und Apocalyptica haben ihre Platten zu Millionen verkauft. Deutschland und das deutschsprachige Europa sind für diese und viele weitere finnische Bands ein wichtiger Markt. Als Erklärungsversuch für den Erfolg wird gelegentlich auf die Professionalisierung der finnischen Musikproduktion und Musikindustrie sowie des finnischen Musikexports verwiesen. In diesem Beitrag wird erläutert, dass es sich dabei auch um einen weiter greifenden, die Globalisierung und die Popularkultur insgesamt betreffenden Umbruch handelt, bei dem die lokalen Musikkulturen auf neue Weise Beachtung finden. Außerdem wird dargestellt, dass die Versuche der finnischen Popularmusik, den deutschen Markt zu erobern, bereits eine lange Geschichte haben.