Susanne Miller et al. (Hrsg.)

Empirische Pädagogik 2016 – 30 (1):

Schulische Inklusion (und Exklusion)

Soziale und emotionale Entwicklung von Schülerinnen und Schülern

15,90

Bibliographische Angaben

Herausgeber Susanne Miller
Bettina Streese
Susanne Schwab
Autoren Yvonne Blumenthal
Boris Eckstein
Ariana Garrote
Markus Gebhardt
Urs Grob
Katharina Marten
Susanne Miller
Lena Nusser
Kurt Reusser
Susanne Schwab
Bettina Streese
Martin Venetz
Stefan Voß
Ilka Wolter
Carmen Zurbriggen
Band/Heft 1
Erscheinungsjahr 2016
Jahrgang 30
ISBN-13 978-3-944996-21-9
ISBN-10 3-944996-21-6
ISSN 0931-5020
Seiten 144
Sprache Deutsch
Bindung Softcover

Inhaltsverzeichnis


Editorial

Susanne Miller, Bettina Streese und Susanne Schwab
Schulische Inklusion (und Exklusion)
– Soziale und emotionale Entwicklung von Schülerinnen und Schülern


Beiträge

Katharina Marten, Stefan Voß und Yvonne Blumenthal
Zur Anwendung des Nominierungsverfahrens als Methode zur Erfassung der sozialen Akzeptanz

Martin Venetz und Carmen Zurbriggen
Intensity Bias oder Rosy View?
Zur Diskrepanz habituell und aktuell berichtetem emotionalen Erleben im Unterricht

Susanne Schwab und Markus Gebhardt
Stufen der sozialen Partizipation nach Einschätzung von Regel- und Integrationslehrkräften

Ariana Garrote
Soziale Teilhabe von Kindern in inklusiven Klassen

Yvonne Blumenthal und Stefan Voß
Effekte des Response to Intervention-Ansatzes auf die emotionale und soziale Situation von Grundschülern der vierten Jahrgangsstufe

Carmen Zurbriggen und Martin Venetz
Soziale Partizipation und aktuelles Erleben im gemeinsamen Unterricht

Boris Eckstein, Urs Grob und Kurt Reusser
Unterrichtliche Devianz und subjektives Störungsempfinden.
Entwicklung eines Instrumentariums zur Erfassung von Unterrichtsstörungen

Lena Nusser und Ilka Wolter
There’s plenty more fish in the sea.
Das akademische Selbstkonzept von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf Lernen in integrativen und segregierten Schulsettings


Beschreibung der Beiträge

Zur Anwendung des Nominierungsverfahrens als Methode zur Erfassung der sozialen Akzeptanz

Katharina Marten, Stefan Voß und Yvonne Blumenthal

Ein wesentlicher Aspekt zur Erfassung sozialer Inklusion in der Schule ist die Perspektive der Peers, die üblicherweise mithilfe soziometrischer Verfahren, meist Befragungen, erfasst wird und mit dem Klassifikationssystem nach Coie und Dodge (1988) in fünf Statusgruppen übersetzt werden kann. Im vorliegenden Beitrag wird durch clusteranalytische Untersuchungen der Befragungsergebnisse von Dritt- und Viertklässlern die Abbildbarkeit dieser Systematik zur Klassifizierung der sozialen Akzeptanz geprüft. Den Ergebnissen zufolge konnte das Klassifika-tionssystem nach Coie und Dodge (1988) nicht gänzlich empirisch nachgewiesen werden, statt-dessen legen die hier präsentierten Daten eine Erweiterung dessen nahe. So wird mit dem vorlie-genden Beitrag eine Ergänzung des bestehenden Modells um die Kategorien „besonders abge-lehnt“ sowie „besonders beliebt“ vorgeschlagen.

Schlagwörter: Klassifikationsmodell – Nominierungsverfahren – soziale Inklusion – soziometrische Befragung

Peer nomination technique as a method of assessing the social acceptance of children

An important aspect for assessing social inclusion in school is the perspective of peers, which is usually detected using sociometric procedures and can be translated into five status groups according to the classification system by Coie and Dodge (1988). The following article examines the transmission of the classification system by Coie and Dodge (1988) by using cluster analysis. This classification system could not be replicated entirely. Instead a suggestion for a revised model is provided by dividing this model into the additional categories “strongly rejected” and “strongly popular”.

Keywords: classification model – nomination technique – social inclusion – sociometric assessment

Intensity Bias oder Rosy View?
Zur Diskrepanz habituell und aktuell berichtetem emotionalen Erleben im Unterricht

Martin Venetz und Carmen Zurbriggen

Ausgangspunkt dieses Beitrags bildet der empirisch mehrfach belegte Befund, wonach retro-spektiv gewonnene Selbstberichte von Schülern zu ihrem emotionalen Erleben im Unterricht ver-zerrt sind. Aus (sonder-)pädagogischer Sicht besonders relevant ist, dass die Diskrepanz zwischen aktuellem und habituellem Erleben von schulbezogenen Überzeugungen wie dem akademischen Selbstkonzept moderiert wird. Zur Untersuchung des Retrospektionseffektes wurden 662 Schüler der 6. Primarstufe mit Hilfe der PANA-Skalen zu ihrem aktuellen und habituellen Befinden im Unterricht befragt. Mit Hilfe der Experience Sampling Method wurden insgesamt 8204 Protokolle zum aktuellen Befinden gesammelt. Zur Erklärung eines etwaigen Diskrepanzeffektes wurde ne-ben dem akademischen Selbstkonzept auch die affektive Einstellung gegenüber der Schule als unabhängige Variable einbezogen. Die Ergebnisse zeigen, dass Schüler ihr emotionales Erleben im Unterricht bei retrospektiver Erfassung positiver wahrnehmen als bei aktueller Erfassung während des Unterrichts. Von den schulbezogenen Überzeugungen ist vorrangig die affektive Einstellung gegenüber der Schule mit der Größe des Diskrepanzeffektes verknüpft. Implikationen zur Erforschung emotionalen Erlebens im Unterricht werden aus einer sonderpädagogischen Per-spektive diskutiert.

Schlagwörter: Emotionen – Retrospektionseffekt – Selbstbericht – Unterricht

Intensity Bias or Rosy View?
On the discrepancy between self-reported habitual and current emotional experiences in classroom

The starting point for this paper is the empirical evidence of bias in students’ retrospective self-reports on their emotional experience. From an educational perspective, it is of particular interest that discrepancies between current and habitual experience have been found to be moderated by the academic self-concept. To investigate the retrospection effect, the current and habitual emotional experience of 662 grade 6 students was surveyed by means of the PANA-scales. Stu-dents’ momentary experience in class was collected using the experience sampling method – with a total of 8204 records. In addition to academic self-concept, affective attitudes towards school were included as independent variables to explain possible discrepancy effects. The find-ings indicate primarily, that students evaluate their affective experience more positive in retro-spective than in situ. Concerning school-related beliefs, in particular the affective attitude to-wards school was associated with the magnitude of the discrepancy effect. Implications of the findings with regard to research of affective experience in the classroom are discussed from the perspective of special education.

Keywords: emotions – retrospection effect – self-report – classroom

Stufen der sozialen Partizipation nach Einschätzung von Regel- und Integrationslehrkräften

Susanne Schwab und Markus Gebhardt

Die vorliegende Studie untersucht die soziale Partizipation von 886 Grund- und Sekundarstufen-schülern auf Basis der Einschätzung von Klassen- und Integrationslehrern. Ziel ist es, den Frage-bogen zur Erfassung der sozialen Partizipation (SPQ), welcher bislang lediglich nach klassischer Testtheorie analysiert wurde, mittels des Rasch-Modells zu prüfen und zu kürzen. Auf Basis des Gesamtscores des SPQs wird ein Stufenmodell der sozialen Partizipation entwickelt. Die Ergeb-nisse zeigen, dass nach dem Ausschluss einzelner Items das Rasch Modell als gültig angenom-men werden kann. Die soziale Partizipation kann anhand der folgenden drei Stufen interpretiert werden: Außenseiter (Stufe 1), Akzeptanz (Stufe 2) und Freundschaft (Stufe 3). Die Übereinstim-mung der beiden Lehrerurteile korreliert insgesamt zu r=.43. In 71 % der Fälle können die Schüler anhand der Einschätzungen der Klassen- und Integrationslehrkräfte der identischen Stufe zuge-wiesen werden. Bei 13 % der Fälle sind die Lehrkräfte genau gegenteiliger Meinung. Daraus kann geschlossen werden, dass die Klassen- und die Integrationslehrkraft je einen eigenen Blick auf bestimmte Schüler hat.

Schlagwörter: Inklusion – Lehrereinschätzung – sonderpädagogischer Förderbedarf – soziale Partizipation

Levels of social participation in the opinion of control and integration teachers

This study examines the social participation of 886 primary and secondary students based on the assessments by regular and special needs teachers. To this extent, the social participation questionnaire (SPQ) was analyzed using probabilistic test theory (Rasch model) and, subsequently, a multi-stage model of social participation was developed based on the total score. The results show, that after eliminating some items, the Rasch model can be accepted as valid and social participation can be divided into the following three levels: outsiders (level 1), ac-ceptance (level 2) and friendship (level 3). The correlation indicating the agreement between the teacher ratings is .43. In 71% of the cases, students are assigned the same level by both teachers. However, in 13% of the cases, the teachers’ opinions are completely opposite. This indicates that the two teachers each have their own particular views on some of the students.

Keywords: inclusion – social participation – special educational needs – teacher assessment

Soziale Teilhabe von Kindern in inklusiven Klassen

Ariana Garrote

Die Studie untersucht die soziale Teilhabe von N = 336 Kindern der ersten bis dritten Stufe in 20 inklusiven Primarschulklassen, in denen Kinder mit einer kognitiven Beeinträchtigung (intellek-tuelle Beeinträchtigung oder schwere Lernbeeinträchtigung) unterrichtet werden.1 Die soziale Teilhabe wurde mit soziometrischen Methoden erhoben. Die befragten Kinder mit einer kognitiven Beeinträchtigung sind weniger beliebt, werden weniger oft als Spielgefährten genannt und werden öfter abgelehnt als ihre Peers. Bezüglich der Anzahl Freunde wurde jedoch kein Unterschied zwischen den Lernenden mit einer kognitiven Beeinträchtigung und ihren Peers gefunden. In Klassen, in denen viele Kinder miteinander befreundet sind und die Ablehnung zwischen den Kindern insgesamt niedriger ist, scheinen Lernende mit einer kognitiven Beeinträchtigung leichter Freundschaften knüpfen zu können.

Schlagwörter: intellektuelle Beeinträchtigung – soziale Beziehungen – soziale Akzeptanz

Social participation of pupils in inclusive classrooms

The present study analyses the social participation of N = 336 pupils of 20 inclusive classrooms in early school including pupils with cognitive impairments (severe learning disability or an intellectual disability). The pupil’s social participation was assessed with sociometric methods. In comparison with their peers, pupils with cognitive impairments (CI) are less often nominated as play partners, are more often rejected and less popular. No differences were found between the pupils with CI and their peers regarding the amount of friendships. However, pupils with CI tend to have more friends if they are included in classrooms where there are more friendships and less rejection.

Keywords: inclusion – intellectual disability – social acceptance – social relationships

Effekte des Response to Intervention-Ansatzes auf die emotionale und soziale Situation von Grundschülern der vierten Jahrgangsstufe

Yvonne Blumenthal und Stefan Voß

Studien zeigen, dass Kinder mit schulischen Minderleistungen in integrativen Schulsettings ein erhöhtes Risiko aufweisen, sozial abgelehnt zu werden. Im Kontext zunehmender Inklusionsbe-mühungen ist es daher dringend erforderlich, zu erforschen, wie ein inklusives Setting gestaltet werden sollte, damit die soziale Einbindung gelingt. Der vorliegende Beitrag informiert über die emotional-soziale Situation von Viertklässlern, die nach dem Response to Intervention-Ansatz in-klusiv beschult werden (Rügener Inklusionsmodell, RIM) im Vergleich zu einer Kontrollgruppe, die nach dem herkömmlichen Schulsystem in Mecklenburg-Vorpommern unterrichtet wird. Für dif-ferenzierte Aussagen wurden nach Leistungsaspekten verschiedene Kindergruppen gebildet. Ent-gegen der Annahmen weist nur ein Teil der nach dem RIM beschulten Kinder eine günstigere emotional-soziale Situation auf und dies auch lediglich hinsichtlich einiger der untersuchten Faktoren (Skalen: Problemverhalten, prosoziales Verhalten, Gefühl des Angenommenseins, An-strengungsbereitschaft, Klassenklima, Selbstkonzept der Schulfähigkeit, soziale Integration nach Selbstauskunft). Die Effektstärken liegen zwischen d = 0.29 und d = 0.69.

Schlagwörter: Inklusion – Response to Intervention – Rügener Inklusionsmodell – soziale Integration

Effects of a Response to Intervention approach to the emotional and social situation of elementary school students of the fourth grade

Studies show that children with academic underachievement have an increased risk of being socially rejected in inclusive school settings. In the context of growing inclusion efforts, it is therefore imperative to explore how an inclusive setting should be designed so that the social integration succeeds. This article provides information on the emotional-social situation of German fourth-graders who are schooled according to the Response to Intervention approach (Rügener Inklusionsmodell, RIM), compared to a control group that is taught by the conventional school system in Mecklenburg-Western Pomerania. For differentiated analyses, different children groups were formed. Contrary to the assumptions only a part of the children schooled within RIM comprises on a more favorable emotional-social situation and this only applies to some of the investigated factors (scales: problem behavior, prosocial behavior, feeling of being accepted, willingness to work hard, classroom climate, self-concept of school readiness, social integration by self-assessment). The effect sizes are between d = 0.29 and d = 0.69.

Keywords: inclusion – response to intervention – Rügener Inklusionsmodell – social integration

Soziale Partizipation und aktuelles Erleben im gemeinsamen Unterricht

Carmen Zurbriggen und Martin Venetz

Die Frage nach sozialer Partizipation von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf nimmt einen besonderen Stellenwert in der Integrations- und Inklusionsforschung ein. Während sich die Befundlage hinsichtlich der sozialen Akzeptanz im Klassenverband recht konsistent zeigt, liegen kaum Kenntnisse dazu vor, ob sich die subjektiv eingeschätzte soziale Partizipation in der Klasse auf das konkrete Erleben im Unterricht im Allgemeinen sowie in Situationen gemeinsamen Lernens im Besonderen niederschlägt. Im Fokus dieses Beitrags steht daher die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der sozialen Partizipation in der Klasse und dem aktuellen Unterrichts-erleben von Schülern. Zur Klärung dieser Frage wurde – neben der subjektiv eingeschätzten so-zialen Partizipation – das Unterrichtserleben von rund 700 Schülern aus 40 Klassen der 6. Primar-stufe während einer Schulwoche erfasst. Insgesamt wurden hierzu mittels der Erlebensstichpro-benmethode 8566 Zeitstichproben erhoben. Die Ergebnisse zeigen als Erstes, dass soziale Partizi-pation erwartungsgemäß negativ mit Verhaltensauffälligkeiten verknüpft ist. In Bezug auf das Unterrichtserleben kann festgehalten werden, dass Situationen gemeinsamen Lernens im Allge-meinen positiver erlebt werden als Einzelsituationen. Des Weiteren steht das Ausmaß sozialer Partizipation in positiver Beziehung zum aktuellen Erleben im Unterricht.

Schlagwörter: Erlebensqualität – Erlebensstichprobenmethode – gemeinsames Lernen – soziale Partizipation

Social participation and momentary experience in inclusive classrooms

In inclusion research, the question about social participation of students with special educational needs is a key issue. Whereas studies concerning the social acceptance in class provide consistent findings, little is known if self-assessed social participation is reflected by students’ experience of inclusive teaching in general and situations of collaborative learning in particular. Therefore these paper addresses the question whether social participation is associated with momentary affective states in classrooms. To investigate this issue, 714 grade 6 students from 40 classes were sur-veyed on their social participation in class and their emotional experience during one school week. In total, 8566 occasions were collected using the experience sampling method. Results in-dicate, first, that social participation is associated with academic achievement and behavioural competences as expected. Second, students’ quality of experience is better in situation of colla-borative learning than during individual work. Furthermore, the extent of social participation is positively associated with momentary experience in classroom.

Keywords: collaborative learning – experience sampling method – quality of experience – social participation

Unterrichtliche Devianz und subjektives Störungsempfinden.
Entwicklung eines Instrumentariums zur Erfassung von Unterrichtsstörungen

Boris Eckstein, Urs Grob und Kurt Reusser

Unterrichtsstörungen gelten als eine der belastendsten Herausforderungen in der schulpädago-gischen Praxis, was auch in der gegenwärtigen Inklusionsdebatte mit teilweise neuen Akzenten thematisiert wird. Dennoch fehlt es an profundem Wissen zum subjektiven Störungsempfinden von Lehrpersonen und Schülern sowie zur Bedeutung von Störungskontexten. Diese For-schungslücke aufgreifend wurde in der Studie zur Untersuchung gestörten Unterrichts (SUGUS) auf der Basis eines interaktionistischen Theorierahmens ein mehrperspektivisch angelegtes In-strumentarium zur Erfassung von Unterrichtsstörungen entwickelt und einem Pretest mit 11 Klas-sen des 5. Schuljahrs unterzogen. Präsentiert werden die faktorielle Struktur der Instrumente mittels eines Mehrebenen-Strukturgleichungsmodells und deskriptive Kennwerte zu den theore-tischen Konstrukten.

Schlagwörter: normabweichendes Verhalten – Unterrichtsstörung – subjektives Störungsempfinden

Deviant classroom behavior and subjective perception of disturbance.
Development of a theory-based instrument to assess classroom disturbances

Classroom disturbances are considered as one of the most challenging issues of school praxis, which is emphasized by the current debate about an inclusive school system. However, the sub-jective experience of disturbances as perceived by teachers and classmates is insufficiently ex-plored and there is not enough substantial knowledge of context effects. Considering an inter-actionist theoretical framework, the SUGUS-project aims to close this research gap. Instruments for the assessment of classroom disturbances were developed and pretested in 11 fifth-grade primary school classes. Results of multilevel confirmatory factor analysis and other key figures of the theoretical constructs are presented in this contribution.

Keywords: classroom disturbance – deviant behavior – subjective perception

There’s plenty more fish in the sea.
Das akademische Selbstkonzept von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf Lernen in integrativen und segregierten Schulsettings

Lena Nusser und Ilka Wolter

Der in vielen Untersuchungen bestätigte Big-Fish-Little-Pond-Effekt (BFLPE) hat gezeigt, dass das akademische Selbstkonzept von Schülerinnen und Schülern nicht nur durch eigene erreichte Leistungen geformt, sondern auch negativ von den Leistungen der Klassengemeinschaft beein-flusst wird. Ausgehend von empirischen Befunden, die zeigen, dass das akademische Selbstkon-zept für die schulische Leistungsentwicklung relevant ist und sich im sozialen Vergleich entwickelt (vgl. Möller & Köller, 2004), soll der BFLPE bei der Schülerschaft an Förderschulen Lernen (n = 587 in 91 Klassen) mehrebenenanalytisch überprüft werden. Die Autorinnen nehmen an, dass die Mechanismen des sozialen Vergleiches auch in segregierten Schulsettings ihre Wirkung entfalten und sich ein negativer Effekt des mittleren Leistungsniveaus der Klasse auf das individuelle aka-demische Selbstkonzept nachweisen lässt. Zudem wurde das Modell des BFLPE vergleichend mit integrativ beschulten Lernenden (n = 148 in 103 Klassen) untersucht. Da es sich bei integrativen Klassen für die Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf Lernen um einen ver-gleichsweise leistungsstärkeren Kontext handeln sollte, wird angenommen, dass der negative Effekt auf das akademische Selbstkonzept für Integrationskinder (d. h. Kinder mit Förderbedarf) in Regelschulen stärker ausfällt als für Lernende an Förderschulen. Es zeigte sich, dass in Förder-schulklassen das mittlere Leistungsniveau der Klasse (d. h. Notendurchschnitt der Klasse) unter Berücksichtigung der individuellen Leistung keinen Einfluss auf das akademische Selbstkonzept hatte, während in Integrationsklassen ein deutlicher Kontexteffekt in erwarteter Richtung zu fin-den war.

Schlagwörter: akademisches Selbstkonzept – Big-Fish-Little-Pond-Effekt – Förderschule – Integration – sonderpädagogischer Förderbedarf

There’s plenty more fish in the sea.
Academic self-concept of students with special educational needs in the area of learning in inclusive and segregated school settings

The empirically proven Big-Fish-Little-Pond-Effect (BFLPE) has shown that the academic self-con-cept of students is not only influenced by their own achievement, but is also negatively affected by the average achievement of their class. Against the background of empirical studies showing that the academic self-concept is relevant for the development of competencies and that it de-velops in a process of social comparison (Möller & Köller, 2004), this article examines the BFLPE for students at special schools (n = 587 in 91 classes) in a multilevel analysis. The authors antici-pate that the mechanism of social comparison would also unfold in segregated school settings and that a negative effect of the average achievement-level within class on the individual aca-demic self-concept would be confirmed. Moreover, the BFLPE-model was explored in comparison to students enrolled in integrative school settings (n = 148 in 103 classes). Since integrative clas-ses for students with special educational needs in the area of learning form a comparably more powerful context, we assumed that the negative effect on the academic self-concept would be stronger for integrated students at general education schools than for students at special schools. Multilevel analyses showed that the average achievement level (i.e., the grade average of each class) controlled for individual achievements did not have an effect on the academic self-concept of students at special schools. For integrated classes a distinct context effect in the ex-pected direction was found.

Keywords: academic self-concept – Big-Fish-Little-Pond-Effect – inclusion – special educational needs