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Beiträge zur Fremdsprachenvermittlung

Zusammenfassung des Artikels: 2006, 9, 7-10

 

Zur Einführung

Dirk Siepmann

„Das größte didaktische Problem des Fremdsprachenunterrichts ist der Wortschatz. Er ist unüberschaubar. Die Zahl der Lerneinheiten ist einfach zu groß für die Schule. Andererseits ist gerade der Wortschatz der Kern der Sprache. Nicht der Kern der Sprachwissenschaft und auch nicht der Kern der Sprachdidaktik, aber der Sprache.“ (Hausmann 2005: 11)

Untersuchungen zum Thema Wortschatz haben derzeit insbesondere im angelsächsischen Raum Hochkonjunktur. Nimmt man die einschlägigen Publikationen genauer unter die Lupe[1], so lässt sich feststellen, dass es in den letzten Jahren und Jahrzehnten auf nicht wenigen Gebieten reelle Fortschritte in der Wortschatzdidaktik gegeben hat, die sich allmählich auch in der schulischen und universitären Fremdsprachenlehre niederschlagen. Einige Aspekte seien hier genannt:

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die Korpuslinguistik hat dazu beigetragen, den Blick der Wortschatzdidaktiker verstärkt auf Kollokationen und andere konventionalisierte Einheiten oberhalb der Wortebene zu rücken und die bisher übliche Trennung von Wortschatz und Grammatik in Frage zu stellen;

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die soeben beschriebene Entwicklung hat zum Entstehen zahlreicher neuer Lernerwörterbücher geführt, die ihre Vorgänger in Genauigkeit, Tiefe und Breite der Darstellung des Wortschatzes und in ihrer Benutzerfreundlichkeit bei weitem übertreffen;

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eine weitere Leistung der Korpuslinguistik besteht in der genaueren Erfassung von Frequenz- und Verteilungsdaten zur Ermittlung von Grund- und Aufbauwortschätzen;

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die Bedeutung von Wortschatzlern- und -erschließungsstrategien ist theoretisch und empirisch untermauert worden und hat zur Entwicklung von Strategietrainingsmaßnahmen geführt;

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insbesondere für das Englische liegen zuverlässige und valide Wortschatztests zur Kenntnis von Einzelwörtern vor;

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es wurden empirisch begründete Vorschläge zur Verbesserung von Vokabelerklärungen im Unterricht gemacht;

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für das Französische liegen Lernwortlisten des aus der Sicht des deutschen Lerners intransparenten Grund- und Aufbauwortschatzes vor.

Gemein ist jedoch den meisten wortschatzdidaktischen Publikationen weiterhin, dass sie das Thema Wortschatz in Isolation zu anderen Fertigkeiten sehen. Trotz der Sinclairschen Erkenntnis, dass es töricht sei, Wortschatz und Syntax zu trennen, ist diese Unterscheidung in den Köpfen vieler Fremdsprachendidaktiker und -lehrer sowie in unseren Lehrbüchern immer noch präsent. Wenn überhaupt von der Beziehung von Wortschatzlernen und anderen sprachlichen Fertigkeiten die Rede ist, dann wird meist nach dem Beitrag des Hörens und Lesens zum Wortschatzzuwachs gefragt, selten nach der Beziehung oder Verknüpfung des Wortschatzlernens mit den produktiven Fertigkeiten des Sprechens, Schreibens und Übersetzens.

Der vorliegende Band möchte ein Stück weit mit dieser Tradition brechen. Es geht den hier versammelten Autoren zwar auch um die Wortschatzaneignung „an sich“; in erster Linie verfolgen sie aber das Ziel, im Sinne des dieser Einleitung vorangestellten Hausmann-Zitats die zentrale Rolle der Wortschatzaneignung im Fremdsprachenlernprozess und die komplexen Wechselwirkungen zwischen der Beherrschung des „Vokabulars“ und anderen fremdsprachlichen Fertigkeiten herauszustellen. Dabei zeigt sich in vielfältiger Weise, dass neue Sichtweisen auch zu neuen Ergebnissen führen können.

John D. Gallagher eröffnet den Reigen mit einem facettenreichen Überblicksartikel zum Thema Wortschatzlernen aus der Sicht des Kontrastivlinguisten. Anhand zahlreicher eingängiger Beispiele zeigt er, dass der fremdsprachliche Wortschatz sich auf hochkomplexe Weise vom muttersprachlichen unterscheidet. Die Wahrnehmung und Erforschung dieser Divergenz stellt eine nie endende, aber gerade deshalb hochspannende Aufgabe für den Fremdsprachenlerner dar. Gallaghers Artikel kann als Pflichtlektüre für Fremdsprachenstudierende und -lehrende empfohlen werden, deren „noticing“-Strategien geschult werden sollen und die Wortschatzlernen bisher isoliert betrachtet haben.

Krista Segermann stellt ein Reformkonzept für den Fremdsprachenunterricht vor, das die traditionelle Scheidung von Wortschatz und Grammatik aufhebt. Das bisher allerorten praktizierte  getrennte Erlernen von Vokabeln und Grammatik macht hier einem Lernen Platz, bei dem Lexik und Morpho-Syntax integrierende kommunikative Lerneinheiten im Vordergrund stehen, die aufgrund der Äußerungswünsche der Lernenden zum Einsatz gelangen. So entstehen realitätsnahe Übungssituationen, die einem Erlernen der Sprache im Zielsprachenland sehr nahe kommen; schon sehr früh im Sprachlernprozess werden die Schüler zu authentischer und flüssiger Kommunikation befähigt.

Inez De Florio-Hansen präsentiert die Ergebnisse einer umfangreichen empirischen Studie zum Wortschatzlernen von Fremdsprachenstudierenden. Es stellt sich heraus, dass der relativ geringe Lernzuwachs im Bereich Wortschatz hauptsächlich auf das unzureichende Strategiebewusstsein und -training der Studierenden zurückzuführen ist; das Strategiewissen der Lerner bewegt sich größtenteils auf dem Niveau von populären Zeitschriften. Der Beitrag ist in dieser Hinsicht von hochschuldidaktischer Brisanz, wird doch das Wortschatzlernen der Studierenden bisher als selbstverständliche, autonom abzuleistende „Bringschuld“ angesehen, die keiner Schulung oder Überprüfung bedarf.

Antje Stork berichtet über eine Studie, in der sie vier gängige Vokabellernstrategien einem empirischen Vergleich unterzogen hat. Dabei erwies sich die Schlüsselwortmethode als signifikant effizienter als die anderen drei untersuchten Lernverfahren. Damit wird der Nachweis erbracht, das in keinem Strategientraining für Anfänger die Vermittlung der Schlüsselwortmethode (neben anderen Strategien) fehlen sollte.

Der Band schließt mit einem Beitrag von Dirk Siepmann zum Verhältnis von Wortschatzkenntnissen und fremdsprachlicher Schreibkompetenz. Zunächst wird eine kontrastive Interimsprachenanalyse zur Repräsentation von Diskursmarkern in englischen Texten deutscher Schreiber vorgenommen. Es zeigt sich, dass die unnatürliche Wirkung nichtmuttersprachlicher Texte sowohl auf eindeutige Fehler als auch auf die Unter- bzw. Überrepräsentation bestimmter Wörter und Wendungen zurückzuführen ist. In einem zweiten Teil wird daher diskutiert, wie eine lexisbasierte Schreiblehre aussehen kann, die zur Verbesserung der Leistungen deutscher Schreiber des Englischen beiträgt.

 

Literaturverzeichnis

Bogaards, P. / Laufer, B.. (2004): Vocabulary in a Second Language. Selection, Acquisition and Testing. Amsterdam (Philadelphia).

Hausmann, F.J. (2005): Der undurchsichtige Wortschatz des Französischen. Lernwortlisten für Schule und Studium. Aachen.

Nation, I.S.P. (2001): Learning Vocabulary in Another Language. Cambridge.

Schmitt, N. (2000): Vocabulary in Language Teaching. Cambridge.

Schmitt, N. / McCarthy, M. (eds.) (1997): Vocabulary. Description, Acquisition, Pedagogy. Cambridge.

Thornbury, S. (2002): How to Teach Vocabulary. London. 

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[1]        Zum Beispiel: Schmitt / McCarthy (1997), Nation (2001), Schmitt (2000), Thornbury (2002), Bogaards / Laufer (2004).

 

 

Stand: 25.04.06