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Rezension

Jäger, R. S. (2004):
Von der Beobachtung zur Notengebung.
Diagnostik und Benotung in der Aus-, Fort- und Weiterbildung.

Mit einem Beitrag von Urban Lissmann.
(5. überarbeitete und ergänzte Auflage).
(Erziehungswissenschaft 9).
ISBN-10: 3-937333-04-5, 273 S., € 21,90. 

Süddeutsche Zeitung, 23.11.2004

Ausbildung

Ein Aufsatz, zwei Noten

Wie man Zensuren verteilt, lernen deutsche Lehrer eher nebenbei

Hiobsbotschaften sind im Bildungswesen nichts Neues. Schon im Jahr 1967 sorgte die Nachricht für Aufregung, dass „über 20 Prozent der Volksschulabgänger im Hessischen“ nicht einmal die „Minimalansprüche der Allge­meinbildung“ erfüllten, wie man einem zeitgenössischen Bericht entnehmen kann. Aus vielen dieser Problem­kandidaten wurden vermutlich später tüchtige Opel-Arbeiter. Doch die Zeiten, da auch mäßig qualifizierte Ju­gendliche gut dotierte Industrie-Jobs fanden, sind vorbei.

Das miserable Abschneiden deutscher Schüler bei internationalen Vergleichstests, ist bekannt. Ebenso wie der Umstand, dass viele Lehrer offenbar nicht in der Lage sind, das Leistungsvermögen und den Lernerfolg ihrer Schüler angemessen einzuschätzen. Warum unser Bildungssystem trotz der seit langem bekannten Defizite bei der Leistungsbeurteilung noch nicht kollabiert ist, wäre sicherlich ein interessanter Untersuchungsgegenstand. Denn es verblüfft, wie dilettantisch Lehrer auf diese wichtige Aufgabe vorbereitet werden.

Wie lernen Pädagogen bewerten und benoten? Fragt man einmal bei Lehrern unterschiedlicher Schulformen nach, erhält man meist ähnliche Antworten: Irgendwann während des Referendariats habe man zwar unter An­leitung einige Klassenarbeiten korrigiert. Die Beurteilung sonstiger Leistungen allerdings, zum Beispiel der so genannten mündlichen Mitarbeit im Unterricht, sei kaum thematisiert worden. Und wie man eine mündliche Prü­fung abhält, soll sich der Junglehrer anscheinend durch die Lektüre der rechtlichen Vorschriften und die Beo­bachtung routinierter Kollegen aneignen. Denen es übrigens nicht anders ergangen ist.

Erstaunlich ist auch, wie wenig Ratgeberliteratur es zu diesem gewichtigen Thema gibt. Zwar liegen eine ganze Reihe erziehungswissenschaftlicher Abhandlungen über die Problematik der Leistungsbewertung vor, doch die Suche nach einem praxisnahen Handbuch fördert nur ein - allerdings durchaus empfehlenswertes - Kompendium zutage. Reinhold Jäger beschreibt in seinem Lehrbuch „Von der Beobachtung zur Notengebung“ nicht nur die Schwierigkeiten der gerechten Beurteilung von Fähigkeiten und Leistungen, sondern gibt auch praktische Hin­weise, wie Prüfungen und Tests sinnvoller gestaltet werden können. Und wie es sich für ein Buch über Leis­tungsbewertung gehört, endet jedes Kapitel mit Fragen, die überprüfen, ob man den dargestellten Zusammen­hang verstanden hat.

Da Reinhold Jäger allerdings eine Fülle von Beispielen haarsträubender, aber nur schwer zu vermeidender Be­urteilungsfehler präsentiert, beschleicht den Leser manchmal eine gewisse Hoffnungslosigkeit. So hängt die Be­wertung einer mündlichen Prüfungsleistung offenbar nicht nur davon ab, welche schriftliche Vornote erteilt wurde und ob der vorherige Kandidat gut oder schlecht abgeschnitten hat. Nachgewiesenermaßen spielt es sogar eine Rolle, ob der Prüfling schnell oder langsam spricht.

Auch zu dem altbekannten Phänomen, dass unterschiedliche Lehrer ein und denselben Deutsch-Aufsatz mit No­ten von gut bis mangelhaft bewerten, finden sich Beispiele. Hier ist auch das Vorwissen über den Verfasser ent­scheidend. Wem der Ruf vorauseilt, ein guter Schüler zu sein, der schneidet selbst bei der Benotung der Recht­schreibung besser ab.

Nun setzt der Autor darauf, dass schon das Wissen um die Problematik zu einer Verbesserung der Praxis führt. Doch dazu müsste sich in vielen deutschen Lehrerzimmern etwas Entscheidendes ändern: Denn schließlich feh­len, wie der Schulforscher Hans-Günter Rolff bereits vor einigen Jahren festgestellt hat, „in fast allen Kollegien transparente und gemeinsam akzeptierte Kriterien für Bewertung“. Erst wenn Lehrer bereit sind, ihre traditio­nelle Rolle als quasi-autonomer Wissensvermittler aufzugeben, wird die Notengebung an Willkür und Beliebig­keit verlieren.

Chronisches Misstrauen

Hoffnungsvolle Ansätze gibt es schon. Nicht wenige Schulleiter ermutigen ihre Kollegien zur Zusammenarbeit, und viele, gerade jüngere Lehrer haben begriffen, dass es dem eigenen Unterricht durchaus förderlich ist, die Tür zum Klassenraum nicht permanent geschlossen zu halten. Auch ministerielle Maßnahmen wie Vergleichsarbei­ten und Lernstandserhebungen wären geeignet, den Austausch über Bewertungskriterien zu befördern, würden sie nicht allzu oft als zusätzliche Belastung in einem immer anstrengender werdenden Berufsalltag verstanden. Das chronische Misstrauen, von dem die Beziehung zwischen vielen Lehrern und ihren Dienstherren geprägt ist, tut ein Übriges.

Professor Jürgen Baumert, wissenschaftlicher Leiter der deutschen Pisa-Studie, forderte unlängst die „Entwick­lung einer Sprache, die es erlaubt, in nicht verletzender Weise über Unterricht - seine Vorbereitung, Durchfüh­rung und Evaluation - zu sprechen“. Es ist aber gar nicht unwahrscheinlich, dass klare Worte, wie sie Reinhold Jäger in seinem Lehrbuch findet, schon sehr viel nützen würden.

JOACHIM FELDMANN

Stand: 09.03.07