
Home: www.vep-landau.de
Lehrerbildung auf dem Prüfstand
2009, 2(1), 1-9
Niclas Schaper, Annegret Helen Hilligus & Peter Reinhold
Kompetenzmodellierung und -messung in der Lehrerbildung
Das System der Lehrerbildung in Deutschland – aber nicht nur dort – wird in verschiedener Hinsicht als nicht ausreichend effektiv und zielführend eingeschätzt (Blömeke, 2004). Eine zentrale Kritik in diesem Zusammenhang ist die mangelnde Ausrichtung der Lehrerbildung – und hiermit sind alle Phasen sowohl der universitären als auch praxisbezogenen Ausbildung inklusive der Fort- und Weiterbildung gemeint – im Hinblick auf die Professionalisierung von Lehrkräften (siehe z. B. Terhart, 2002 oder Lüders & Wissinger, 2007). Kritisiert wird vor allem, dass in der Lehrerbildung in nicht ausreichendem Maße Kompetenzen entwickelt werden, die eine solide Basis für die praktischen Tätigkeitsfelder als Lehrer bieten. Die Forderung, dass Lehrkräfte professioneller auf die Anforderungen in der Schule vorzubereiten sind, gewinnt an Bedeutung vor dem Hintergrund besorgniserregender Ergebnisse in internationalen Schulleistungsstudien (z. B. TIMSS oder PISA) und struktureller Reformen der Lehrerbildung (z. B. Einführung von Bachelor-/Masterstudiengängen). Als ein wichtiges Instrument für die Weiterentwicklung der Lehrerbildung wird die Einführung von Standards und deren Überprüfung angesehen (Hilligus & Rinkens, 2006). Damit eng verbunden ist eine Fokussierung auf die Kompetenzen der Lehrkräfte und die Frage, wie diese Kompetenzen diagnostiziert und wirkungsvoll gefördert werden können.
Sowohl die Diagnose als auch die Förderung von Kompetenzen erfordert die Bestimmung von Anforderungen an Lehrkräfte im Berufsfeld und darauf bezogen die Kennzeichnung von Kompetenzen für professionelles Handeln von Lehrkräften (vgl. Baumert & Kunter, 2006). Hiermit wird u. a. die Frage aufgeworfen, wie entsprechende Anforderungen bestimmt und mithilfe so genannter Kompetenzmodelle beschrieben werden können, und welche Implikationen mit der Wahl eines Kompetenzmodells verbunden sind. Eine Orientierung an Standards bzw. Kompetenzen in der Lehrerbildung erfordert auch, dass die Diagnose der zu erwerbenden Kompetenzen und die Bereitstellung, Erprobung und Nutzung entsprechender Instrumente professionalisiert wird.
Das dritte Themenheft der Zeitschrift „Lehrerbildung auf dem Prüfstand“ widmet sich den Fragen der Kompetenzmodellierung und -messung in der Lehrerbildung aus unterschiedlichen Perspektiven. Präsentiert werden vor allem Studien zu folgenden Themenbereichen: (1) Ansätze zur Modellierung bzw. Anforderungsanalyse von Kompetenzen, (2) Entwicklung von Verfahren zur Kompetenzmessung und (3) Ansätze zur Überprüfung von Strukturannahmen und zur Validität von Kompetenzen in der Lehrerbildung.
Mithilfe von Kompetenzmodellen soll beschrieben werden, welche Kompetenzen eine Lehrkraft für guten Unterricht bzw. professionelles Handeln in der Schule benötigt. Entsprechende Kompetenzmodelle der Lehrerbildungsforschung unterscheiden sich allerdings deutlich in Bezug auf das zugrunde gelegte Kompetenzverständnis, die Reichweite bzw. den Fokus der zu modellierenden Kompetenzinhalte, die Art des zu entwickelnden Kompetenzmodells und das Vorgehen bei der Ermittlung und Modellierung der Kompetenzen. Hinsichtlich der Kompetenzauffassung gibt es unterschiedliche theoretische Auffassungen, was unter Kompetenz zu verstehen ist (vgl. Schaper, 2009), wobei sicherlich kognitions- und handlungstheoretisch fundierte Auffassungen von Kompetenz am verbreitetsten und angemessensten sind. In beiden Auffassungen steht die Befähigung im Vordergrund, komplexe berufliche Aufgaben bzw. Anforderungssituationen (z. B. Unterrichten oder Beurteilen) erfolgreich zu bewältigen. Außerdem betonen beide Ansätze, dass Kompetenz „für etwas“ immer ein Bündel von kognitiven, motorischen, motivational-emotionalen, sozial-kommunikativen und wert-/einstellungsbezogenen Fähigkeitsaspekten umfasst; es geht somit nicht um eine „konstruktreine“, sondern um eine integrativ-ganzheitliche Beschreibung von Leistungsvoraussetzungen für eine bestimmte Domäne. Hinsichtlich der Kompetenzinhalte kann man zwischen sehr breit und umfassend angelegten Kompetenzbeschreibungen für die gesamte berufliche Domäne und der Konzentration auf ausgewählte Teilbereiche oder inhaltliche Dimensionen der Domäne (z. B. fachdidaktisches Wissen) unterscheiden. In Bezug auf die Art des verwendeten Kompetenzmodells wird differenziert zwischen Kompetenzstrukturmodellen, -niveaumodellen und -entwicklungsmodellen (vgl. Schaper, in diesem Band).
Bezüglich des Vorgehens bei der Kompetenzmodellierung wird grob zwischen eher deduktiv-normativ orientierten Bestimmungen von Kompetenzdimensionen und -inhalten – ausgehend von vorformulierten Bildungsansprüchen bzw. Curricula oder Theorien professionellen bzw. kompetenten Handelns – und induktiv-empirisch orientierten Vorgehensweisen bei der Identifikation von Kompetenzanforderungen für eine Domäne (z. B. mithilfe von Experten- oder Delphi-Befragungen) unterschieden. Je nachdem, worauf die Kompetenzmodellierung zielt, welche theoretischen Auffassungen und welche methodischen Varianten der Kompetenzmodellierung zugrunde gelegt werden, können somit sehr unterschiedliche Kompetenzmodelle im Rahmen einer Domäne resultieren.
Noch weitgehend ungeklärt ist in diesem Zusammenhang allerdings, welchen Anforderungen solche Modelle generell oder spezifisch in Bezug auf die jeweiligen Modellvarianten entsprechen sollten. Daher gilt als Mindestanforderung, dass diese konzeptionellen Grundlagen und Entscheidungsaspekte bei der Entwicklung und Darstellung von Kompetenzmodellen sorgfältig zu verdeutlichen und im Vergleich zu alternativen Varianten und Verfahrensweisen zu begründen sind. Darüber hinaus gilt es festzustellen, dass jedes Kompetenzmodell, unabhängig davon, auf welcher Grundlage es konstruiert wurde, zunächst hypothetischen Charakter besitzt und daher empirischer Schritte zur Überprüfung bzw. Validierung bedarf.
Bezüglich der Entwicklung von Verfahren zur Kompetenzmessung gilt es vor allem die Frage zu beantworten, wie sich Kompetenzen von Lehrkräften valide diagnostizieren lassen und welche Verfahrensformen dafür geeignet sind. Voraussetzung für eine valide Kompetenzmessung ist allerdings auch, dass die Entwicklung des Kompetenzmessverfahrens auf einem fundierten Kompetenzmodell basiert. Entsprechende Messverfahren von Kompetenzen sind darüber hinaus nicht auf die konstruktreine Erfassung von Fähigkeitsaspekten ausgerichtet, sondern sollten eine anforderungsbezogene und ganzheitliche Ermittlung der für eine Domäne relevanten Kompetenzfacetten anstreben. Für eine anforderungsbezogene Messung sind die Erhebungsverfahren daher in erster Linie gemäß „simulationsorientierter“ eignungsdiagnostischer Ansätze (z. B. in Form von Arbeitsproben, situativen Übungen oder Situational Judgement Tests) zu gestalten (vgl. Höft & Funke, 2006). Solche Methoden erlauben nicht nur eine „objektive“ Erfassung der Kompetenzen, indem die Leistung bzw. Kompetenzanwendung anhand realitätsnaher Anforderungskontexte abgefragt wird; sie weisen darüber hinaus den Vorzug auf, dass sie die relevanten Leistungsaspekte relativ ganzheitlich und zusammenhängend und somit am ehesten ökologisch valide abprüfen (vgl. Schaper, in diesem Band). Nachteil solcher Verfahren ist allerdings auch, dass sie in der Regel einen hohen Entwicklungs- und Durchführungsaufwand erfordern. Weiterhin ist festzustellen, dass simulationsorientierte Verfahren nur eingeschränkt geeignet sind, um Voraussetzungen kompetenten Handelns in Form von Wissen und nicht-kognitiven Kompetenzelementen zu bestimmen. Simulationsorientierte Verfahren bedürfen daher der Ergänzung durch kompetenzorientierte Wissenstests sowie Fragebogen bzw. Testverfahren zur Erfassung der nicht-kognitiven Komponenten. Somit gilt auch für die Kompetenzmessung, dass auf Grund der Vielfältigkeit der zu erfassenden Leistungsfacetten ein kombinierter Einsatz von unterschiedlichen Messinstrumenten im Sinne einer „multimodalen“ Messung zu empfehlen ist (Schuler, 2006).
In einem dritten Themenbereich geht es um Ansätze zur Überprüfung von Strukturannahmen und der Validität von Kompetenzen in der Lehrerbildung. Entsprechende Analysen sind einerseits im Zusammenhang mit der Konstruktion von Kompetenzmodellen und -messverfahren von Bedeutung, um die entwickelten Modelle und Instrumente hinsichtlich ihrer Konstrukt- und Kriteriumsvalidität zu überprüfen. Andererseits gilt es mithilfe solcher Studien grundlegende Fragen bezüglich der Dimensionalität von Kompetenzen im Rahmen einer Aufgabendomäne und hinsichtlich der Beziehungen zwischen den verschiedenen Dimensionen bzw. Facetten der Kompetenzen zu klären, um Hinweise für die Testentwicklung aber auch für die Gestaltung des Kompetenzerwerbs zu erhalten. Auf Grund der Vorannahme einer Bündelung relevanter Kompetenzfacetten bei der Leistungserbringung ist grundsätzlich von statistischen Abhängigkeiten der relevanten Kompetenzfacetten und -dimensionen auszugehen. Zur Überprüfung solcher Zusammenhänge eignen sich daher konfirmatorische modellbasierte Analyseverfahren eher als induktiv-explorative Strategien der Strukturanalyse. Von Interesse sind in diesem Fall aber nicht nur die Zusammenhänge zwischen kognitiven Leistungskomponenten, sondern insbesondere auch die Beziehungen zwischen kognitiven und nicht-kognitiven Kompetenzelementen beim Kompetenzerwerb. Insbesondere gilt es zu klären, inwieweit bestimmte Ausprägungen und Arten professioneller Einstellungen sowie motivationaler Orientierungen den Erwerb kognitiver Leistungsvoraussetzungen beeinflussen und fördern oder behindern. Nicht zuletzt gilt es zu klären, welche Wirkungs- und Erfolgskriterien mit verschiedenen Ausprägungen der Kompetenz verknüpft sind. Insbesondere Zusammenhänge mit Kriterien guten Unterrichtens (Helmke, 2008) stellen in diesem Kontext einen bedeutsamen Variablenkomplex dar, um nicht nur Hinweise in Bezug auf die Validität des Kompetenzmodells, sondern auch hinsichtlich der Gewichtung und Gestaltung ausgewählter Kompetenzkomponenten beim Erwerbsprozess zu erhalten.
Im vorliegenden Themenheft der Zeitschrift „Lehrerbildung auf dem Prüfstand“ werden die Fragestellungen und Probleme zu den genannten drei Bereichen der Kompetenzmodellierung und -messung in Teilen aufgegriffen. Die acht Beiträge lassen sich mit Blick auf ihre inhaltlichen und methodischen Schwerpunkte folgendermaßen charakterisieren:
Der Beitrag von Franz Schott und Shahram Azizi-Ghanbari ist dem ersten Themenkomplex zuzuordnen. Die beiden Autoren stellen einen Ansatz zur Modellierung der Kompetenz „kompetenzorientiert bzw. zielvalide zu unterrichten“ vor. Die Fähigkeit, kompetenzorientiert zu unterrichten, leitet sich aus der Forderung nach der verstärkten Outputorientierung von Unterricht ab und wird vor dem Hintergrund lernzielanalytischer Ansätze entwickelt. Damit Schüler im Unterricht bestimmte Lern- bzw. Kompetenzentwicklungsziele erreichen, müssen Lehrkräfte in der Lage sein, die Unterrichtsprozesse und Lernerfolgskontrollen mit Bezug zu den Unterrichtszielen, d. h. kontent- bzw. zielvalide zu planen. Neben der Herleitung und Begründung der genannten Teilkompetenz zum Unterrichten wird eine Methodik vorgestellt, wie Lehrkräfte vorgehen sollten, um ihren Fachunterricht entsprechend zu planen. Darüber hinaus wird berichtet, wie in Trainingskursen bzw. Seminaren der Autoren die Vermittlung der Kompetenz, kompetenzorientiert bzw. zielvalide zu unterrichten, erprobt und weiterentwickelt wird.
Einen weiteren Ansatz zur Kompetenzmodellierung im Sinne der Bestimmung von Standards für die Berufsschullehrerbildung stellen Sarah Heinzer, Fritz Oser und Patrizia Salzmann vor. Dem Ansatz liegt ein konsequent induktiv-empirisches bzw. bottom-up orientiertes Vorgehen zur Generierung der Kompetenzfacetten bzw. Standards zugrunde. Im Rahmen eines modifizierten Delphi-Verfahrens wurden Kompetenzprofile von Berufsfachschullehrern mithilfe von Expertenbefragungen und Expertenratings erarbeitet. Hierzu wurden zunächst herausfordernde und professionsspezifische Handlungssituationen von Berufsfachschullehrern erfragt, die dann in weiteren Schritten in 48 anforderungsbezogene Standards der Berufsfachschullehrerbildung transformiert wurden. Zusätzlich wurden diese Standards bzw. Kompetenzprofile bezüglich ihrer Wichtigkeit, Auftretenshäufigkeit, Umsetzungsschwierigkeit und des gewünschten Stellenwerts in der Ausbildung durch fast 800 Berufsfachschullehrer und Berufsbildungsspezialisten im Sinne einer inhaltlichen Validierung bewertet. Auf der Grundlage der Kompetenzprofile können weitere Schritte zur Gestaltung von Lehrerausbildungscurricula und von Verfahren zur Kompetenzdiagnostik unternommen werden.
Mit dem dritten Beitrag wird der Themenbereich Entwicklung von Verfahren zur Kompetenzmessung angesprochen. Im Beitrag von Stephan Schmelzing, Christina Fuchs, Stefanie Wüsten, Angela Sandmann und Birgit Neuhaus wird die Entwicklung und erste Erprobung eines videoclipgestützten Papier- und Bleistifttests zur Erfassung des fachdidaktischen Reflexionswissens bei Biologielehrkräften vorgestellt. Dem Reflexionswissen und der damit verbundenen Reflexionsfähigkeit wird eine zentrale Rolle zugeschrieben, damit Lernende professionelles Wissen und Können miteinander in Bezug setzen können. Die Entwicklung des Instrumentariums beruht auf einer fundierten Analyse der vorhandenen theoretischen Konzepte und empirischen Befunde zum Konstrukt. Reflexionswissen wird in diesem Zusammenhang nicht in qualitativer subjektbezogener Form, sondern mithilfe eines standardisierten Tests erhoben und anhand objektiver Kriterien ausgewertet. Dabei wird auf eine anforderungs- und handlungsnahe Operationalisierung des Aufgabenmaterials durch die Darstellung authentischer Unterrichtssituationen in Videoclips Wert gelegt. Im Rahmen einer Pilotstudie wurde der Test hinsichtlich psychometrischer Testgütekriterien (Interrater-Reliabilität, interne Konsistenz der Skalen, Verteilung der Itemschwierigkeit und inhaltliche Validität) überprüft.
Im Beitrag von Andreas Seifert, Annegret Hilligus und Niclas Schaper wird die Entwicklung eines Instrumentariums zur Erfassung des Erwerbs von pädagogischen bzw. erziehungswissenschaftlichen Kompetenzen in der universitären Lehrerausbildung beschrieben. In diesem Fall beruht das der Instrumentenentwicklung zugrunde liegende Kompetenzmodell auf der Analyse der KMK-Standards für die Bildungswissenschaften (KMK, 17.10.2008), einer Curriculumanalyse des erziehungswissenschaftlichen Studiums am Standort Paderborn und den Niveaustufen der Kompetenzentwicklung nach Terhart (2002). Die Items des kompetenzorientierten Leistungstests werden anhand eines auf dieser Grundlage entwickelten Rahmenmodells pädagogischer Kompetenzen abgeleitet. Methodisch wird zur Kompetenzmessung auf Wissenstests, die handlungsrelevantes Wissen abfragen, und so genannte Situational Judgement Test Items zurückgegriffen, die auf der Darstellung handlungsnaher Anforderungssituationen sowie der Abfrage komplexer Situationsbewertungen und Lösungsüberlegungen beruhen. Es wird weiterhin berichtet, wie in einer umfangreichen Pilotstudie die psychometrischen Gütekriterien (interne Konsistenz, Itemschwierigkeit und Trennschärfe, Kriteriumsvalidität) des Kompetenztests überprüft wurden.
Gegenstand des fünften Beitrags von Josef Riese und Peter Reinhold ist die Überprüfung eines Kompetenzmessinstruments für fachliche und fachdidaktische Kompetenzen im Unterrichtsfach Physik hinsichtlich verschiedener Validitätsaspekte. Damit wird der dritte Themenbereich dieses Heftes angesprochen. Die Kompetenzmessung gründet sich ähnlich wie das Instrument von Seifert et al. auf einer Curriculumanalyse des Unterrichtsfachs sowie auf einem darauf basierenden Rahmenmodell fachbezogener Kompetenzen des Lehramtsstudiums Physik. Zur Kompetenzmessung werden Wissenstestitems und so genannte Unterrichtsvignetten eingesetzt, die kritische Situationen im Unterricht wiedergeben, die mit Blick auf das Unterrichtshandeln analysiert und „gelöst“ werden sollen. Allerdings werden im Rahmen des Tests nicht alle, sondern nur repräsentative Bereiche der fachbezogenen Ausbildung (der Bereich „Mechanik“ für die fachwissenschaftlichen Kompetenzen und der Bereich „Experimentieren im Unterricht“ bei den fachdidaktischen Kompetenzen) angesprochen. Hinsichtlich der Validität der Kompetenzmessung wird untersucht, wie sich fachbezogene Kompetenzen im Verlauf des Studiums entwickeln (Querschnittsvergleich unterschiedlicher Kohorten), in welcher Form sich hierin verschiedene Lehramtsstudiengänge (Haupt-/ Real- und Gesamtschulen vs. Gymnasien und Gesamtschulen) unterscheiden und welche Einflussfaktoren bei der Kompetenzentwicklung maßgeblich sind. Die standortübergreifenden Datenerhebungen und -auswertungen bestätigen die Validität des Instruments.
Johannes König und Sigrid Blömeke beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit einer strukturanalytischen Frage. Auf der Basis eines selbst entwickelten Kompetenzmessinstruments zur Erfassung pädagogischer Kompetenzen bzw. Wissens im Lehramtsstudium gehen sie der Frage nach, ob sich die Kompetenzentwicklung in diesem Fach entlang disziplinbezogener Strukturierungen des Studiums beschreiben lässt oder ob die ermittelten Dimensionen eher eine aufgaben- und anforderungsbezogene Strukturierung wiedergeben. Eine berufs- bzw. anforderungsbezogene Strukturierung orientiert sich dabei an den Kategorien „Umgang mit Heterogenität, Strukturierung von Unterricht, Lern- und Leistungsmotivierung, Leistungsbeurteilung und Klassenführung“. Die disziplinbezogene Strukturierung orientiert sich an den Subdisziplinen „Allgemeine Didaktik und Pädagogische Psychologie der Erziehungswissenschaft“. Die Fragestellung wird mithilfe konfirmatorischer Faktorenanalysen auf der Basis von Item Response Theory-Ansätzen überprüft bzw. ausgewertet, wobei neben dem fünfdimensionalen anforderungsbezogenen und dem zweidimensionalen disziplinbezogenen auch ein eindimensionales Modell berechnet und vergleichend gegenübergestellt wird. Die Ergebnisse der Analysen zeigen, dass sich pädagogisches Wissen im Lehramtsstudium entlang erziehungswissenschaftlicher Subdimensionen angemessen strukturieren lässt. Das diszplinbezogene Modell erweist sich allerdings im Vergleich zu dem anforderungsbezogenen Modell bezüglich der Modellfit-Statistiken nicht als überlegen.
Im dritten strukturanalytischen Beitrag des Themenhefts von Christiane Schmotz und Sigrid Blömeke wird der Zusammenhang von professionellem Wissen und Überzeugungen von angehenden Lehrkräften untersucht. Professionsbezogenen Überzeugungen kommt gemäß unterschiedlicher kompetenztheoretischer Modelle und empirischer Erkenntnisse eine orientierende und evaluierende Funktion beim beruflichen Handeln und im Verlauf der Kompetenzentwicklung zu. Anhand des deutschen Datensatzes der internationalen Vergleichsstudie „Mathematics Teaching in the 21st Century“ wird untersucht, welche Ausprägungen des fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Wissens sowie verschiedener Arten epistemologischer Überzeugungen in Bezug auf Mathematik Studienanfänger und Referendare ausbilden. Im Rahmen einer Pfadanalyse wird außerdem analysiert, in welcher Form verschiedene Arten epistemologischer Überzeugungen mit unterschiedlichen Komponenten des fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Wissens zusammenhängen. Die Ergebnisse zeigen, dass Veränderungen im Verlauf der Lehrerausbildung insbesondere bezogen auf prozess- und anwendungsbezogene Überzeugungssysteme zu erwarten sind und sich substanzielle Zusammenhänge zwischen Überzeugungssystemen und Wissensaspekten erst während der Ausbildung entwickeln.
Im abschließenden Beitrag von Niclas Schaper wird schließlich ein einordnender Überblick zu Ansätzen und Aufgabenfeldern der Kompetenzmodellierung und -messung in der Lehrerbildung gegeben. Kompetenzmodellierung und -messung wird hier insbesondere vor dem Hintergrund (arbeits-)psychologischer Kriterien und Konzepte diskutiert. Neben einer vergleichenden Gegenüberstellung zentraler Ansätze und einem Resümee zum Forschungsstand werden schließlich der Entwicklungs- und Forschungsbedarf in den beiden Bereichen sowie mögliche Lösungsansätze diskutiert.
Als Fazit möchten wir der Hoffnung Ausdruck geben, dass die im Themenheft präsentierten Studien einerseits neue Erkenntnisse zur Thematik der Kompetenzmodellierung und -messung im Rahmen der Lehrerbildung vermitteln sowie andererseits Anregungen zur Diskussion weiterführender Modelle und Untersuchungsansätze liefern. Darüber hinaus hoffen wir, dass auch substanzielle Hinweise zur Verbesserung der Lehrerbildung im Hinblick auf die Anforderungsbeschreibung und Diagnose von Kompetenzerwerbsprozessen gegeben werden können. Abschließend möchten wir den Autoren des Themenheftes danken, die durch ihr Engagement bei der zeitgerechten Abfassung und Überarbeitung der Artikel wesentlich zum Gelingen des Themenheftes beigetragen haben. Nina-Simone Helm vom Paderborner Zentrum für Bildungsforschung und Lehrerbildung und Ines Weresch-Deperrois vom Verlag für Empirische Pädagogik sei außerdem für ihre sorgfältige Durchsicht und Optimierung der Manuskripte unter formalen Aspekten gedankt. Nicht zuletzt danken wir auch den Herausgebern der neuen Zeitschrift für „Lehrerbildung auf dem Prüfstand“ – insbesondere Rainer Bodensohn – für die wohlwollende und großzügige Begleitung und gute Beratung unseres Vorhabens herzlich und wünschen dem sehr zu begrüßenden und engagierten Projekt der Neugründung dieses Journals eine hohe Resonanz und Anerkennung in der Lehrerbildungsforschung.
Literatur
Baumert, J. & Kunter, M. (2006). Stichwort: Professionelle Kompetenz von Lehrkräften. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 9, 469-520.
Helmke, A. (2008). Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität. Diagnostik, Evaluation und Verbesserung des Unterrichts. Seelze-Velber: Kallmeyer / Klett.
Hilligus, A. H. & Rinkens, H.-D. (Hrsg.). (2006). Standards und Kompetenzen – neue Qualität in der Lehrerausbildung? Berlin: Lit.
Höft, S. & Funke, U. (2006). Simulationsorientierte Verfahren der Personalauswahl. In H. Schuler (Hrsg.), Lehrbuch der Personalpsychologie (S. 145-188). Göttingen: Hogrefe.
Lüders, M. & Wissinger, J. (Hrsg.) (2007). Kompetenzentwicklung und Programmevaluation. Forschung zur Lehrerbildung. Münster: Waxmann.
Schaper, N. (2009). (Arbeits-)Psychologische Kompetenzforschung. In M. Fischer & G. Spöttl (Hrsg.), Forschungsperspektiven in Facharbeit und Berufsbildung. Strategien und Methoden der Berufsbildungsforschung (S. 91-115). Frankfurt: Peter Lang.
Schuler, H. (2006). Lehrbuch der Personalpsychologie. Göttingen: Hogrefe.
Terhart, E. (2002). Standards für die Lehrerbildung. Eine Expertise für die Kultusministerkonferenz. ZKL-Texte, 24. Münster: Universität Münster: Zentrale Koordination Lehrerbildung.