
Home: www.vep-landau.de
Empirische Pädagogik
Zeitschrift zu Theorie und Praxis erziehungswissenschaftlicher Forschung
Zusammenfassung des Artikels: 2007, 21(3), 345-347
Oberleiter, K. (2006). Hausaufgaben in der Grundschule. Die Bedeutung zeitlicher Aspekte und Auswirkungen eines selbstregulatorischen Trainings. Göttingen: Cuvillier Verlag, 200 S.; 28,00€, ISBN 3865379214.
Das Thema „Hausaufgaben“ ist faszinierend. Fast hat man den Eindruck, dass Hausaufgaben an Bedeutung verloren haben, weil die Sinnhaftigkeit und der Erfolg der gängigen Hausaufgabenpraxis zu Recht bezweifelt werden. Man kann im Prinzip davon ausgehen, dass Hausaufgaben zur Lernzeit gehören. Wenn die Lernzeit aber – angesichts einer zunehmenden Anzahl von Schülerinnen und Schülern, welche die Ganztagsschule besuchen – noch weit bis in die Abendstunden reicht, dann muss bezweifelt werden, ob Hausaufgaben ihrer Funktion noch gerecht werden oder ob sie im Zweifelsfall als Übersprungshandlungen von Lehrkräften zu sehen sind, um mit ihrem Bemühen wenigstens die Bedeutung des mit Hausaufgaben versehenen Faches zu verdeutlichen.
Vor diesem Hintergrund ist das Bemühen des Autors zu sehen, über ein selbstregulatorisches Training wenigstens Einfluss auf die zeitliche Bearbeitung von Hausaufgaben zu nehmen.
Das Buch ist mit der gleichnamigen Dissertation des Autors identisch.
Im ersten Kapitel geht der Autor die bestehenden Modelle zur schulischen Leistung an. Dabei wird eine große Breite der Modelle behandelt. Insoweit muss dem Autor bescheinigt werden, dass er die gängigen Modelle erörtert. Defizite ergeben sich aber hinsichtlich des Begriffs der (schulischen) Leistung. Weder wird auf die schon lange Zeit vorausgegangene Diskussion von Furck (1975) noch auf die moderne Diskussion über Standards (Kultusministerkonferenz, 2005) eingegangen. Diese Defizite sind umso gravierender, als ja die gewählte Thematik „Hausaufgaben“ in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Leistungserbringung in der Grundschule steht.
Von besonderem Interesse ist die Zusammenfassung dieses Teilkapitels: Wurden ursprünglich sieben Modelle und Rahmenkonzepte in Kapitel 1 angegangen, so werden nunmehr nur noch sechs Modelle einbezogen. Am ausführlichsten wird das Modell von Carroll (1963) erörtert. Die weiteren Modelle werden eher noch stiefmütterlich angesprochen und das vorab skizzierte Rahmen-Modell aus PISA spielt in der Zusammenfassung keine Rolle mehr. Was fehlt, ist insbesondere die Ableitung eines Wirkmodells (s. Gollwitzer & Jäger, 2007), aus welchem die Bedingungen in einem Wirkgefüge abgeleitet werden, welche für den Lernerfolg in der Grundschule als bedeutsam angesehen werden müssen.
Im zweiten Kapitel geht der Autor auf Hausaufgaben ein. Hier erörtert er den Beitrag von Hausaufgaben für das Lernen. Nach einer Definition und Skizzierung der Funktion von Hausaufgaben stellt der Autor die Hausaufgabenforschung dar, geht er auf die Wirkung von Hausaufgaben ein und beschäftigt sich (kurz) mit dem Zusammenhang Eltern und Hausaufgaben. Eine Zusammenfassung und Bewertung des Forschungsstandes rundet dieses Kapitel ab. Wiederum muss mit Blick auf die abschließende Zusammenfassung festgehalten werden, dass die Ableitung eines Wirkmodells fehlt (s. o.).
Das dritte Kapitel geht eine bestimmte Klasse von Motivationstheorien an: die Erwartungs-Mal-Wert-Theorien. Wer allerdings erwartet hat, dass die genannte Einschränkung inhaltlich-theoretisch begründet wird, fühlt sich getäuscht. Schließlich ist es ja am Ausgangspunkt eines solchen Kapitels denkbar, dass auch auf den motivationalen Prozess Bezug genommen wird. In diesem Falle hätte man unabdingbar eine originäre Diskussion des Rubikon-Modells von Heckhausen und Gollwitzer (1986) erwartet. Stattdessen wird es fälschlicher Weise in die genannte Klasse der Erwartungs-Mal-Wert-Theorien eingeordnet.
Das vierte Kapitel ist der Thematik selbstreguliertes Lernen und Hausaufgaben gewidmet. Hätte der Autor in seinem Begründungszusammenhang entsprechende Wirkmodelle abgeleitet, so würde dieses Kapitel nicht als Additum, sondern als integrativer Bestandteil eines Gesamtmodells wahrgenommen werden.
Der Autor geht nach einer Einleitung auf die Unterscheidung Selbststeuerung vs. Fremdsteuerung ein. Zu kurz greift dabei die Einordnung der Fremdsteuerung unter dem Blickwinkel von respondenten und operanten Ansätzen. Wer sich als Leser eine Auseinandersetzung von der Instruktionspsychologie erhofft, fühlt sich enttäuscht. Die nachfolgende Darstellung der Selbststeuerung ist umfangreich, enthält aber einige Lücken in der Darstellung, etwa das Zwei-Schalen-Modell zum motivierten, selbstgesteuerten Lernen oder die Diskussion zum lebenslangen Lernen.
Das Kapitel schließt wiederum mit einer zusammenfassenden Würdigung ab. Hierzu muss wiederholt werden, was zu den vorangegangenen Zusammenfassungen bereits angemerkt wurde.
Mit Kapitel vier ist der theoretische Teil abgeschlossen. Wer sich an den üblichen Duktus empirischer Arbeiten erinnert, wird sich getäuscht fühlen. Die Darstellungen der Fragestellungen und Hypothesenableitungen erfolgen eher oberflächlich. Der Autor hätte sich selbst einen Gefallen getan, wenn er von einem zusammenfassenden Wirkmodell ausgegangen wäre, um damit auch die Frage anzugehen, wie denn innerhalb von empirischen Studien eine Umsetzung erfolgen kann.
Das fünfte Kapitel ist zwar das wichtigste, dennoch das mit dem geringsten Umfang. Am Ende ist der Großteil der Ergebnisse auch eher trivial: Der Leser erfährt, dass diejenigen Schüler, welche die schlechteren Noten besitzen, auch diejenigen sind, welcher länger für die Hausaufgaben benötigen, ein geringeres Fähigkeitsselbstkonzept besitzen etc. Bedenkenswert ist allerdings ein zentrales Ergebnis, dass das Treatment wenigstens in Teilen erfolgreich war.
Wer an dieser Stelle auf den endlich fälligen großen Wurf wartet, wird ein weiteres Mal enttäuscht! Die Skizzierung möglicher Forschungsansätze bleibt in Allgemeinplätzen stecken.
Fazit: Wenn ein Sportler nach einem 5 000m-Lauf über eine Höhe von 25cm springt, wundert man sich nicht: „Nach dem riesigen Anlauf: kein Wunder!“ Der Rezensent geht davon aus, dass der Autor – um im Bilde zu bleiben – zu kurz gesprungen ist: „Ich denke, es ist nicht übertrieben, wäre das Buch doch nicht geschrieben!“
Literatur
Carroll, J. B. (1963). A model of school learning. Teachers College Board, 64, 723-733.
Furck, C. L. (1975). Das pädagogische Problem der Leistung in der Schule (5. Aufl.). Weinheim: Beltz.
Gollwitzer, M. & Jäger, R. S. (2007). Evaluation – Workbook. Weinheim: BeltzPVU.
Heckhausen, H. & Gollwitzer, P. M. (1986). Information processing before and after the formation of an intent. In F. Klix & H. Hagendorf (Eds.), Human memory and cognitive capabilities: Mechanisms and performances (pp. 1071-1082). Amsterdam: Elsevier/North Holland.
Kultusministerkonferenz (2005). Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz. Erläuterungen zur Konzeption und Entwicklung. Neuwied: Luchterhand.
Anschrift des Autors:
Prof. Dr. Reinhold S. Jäger, Zentrum für empirische pädagogische Forschung, zepf, Universität Koblenz-Landau, Campus Landau, Bürgerstraße 23, 76829 Landau, E-Mail: jaeger@zepf.uni-landau.de
![]()
Stand: 27.09.07