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Empirische Pädagogik
Zeitschrift zu Theorie und Praxis erziehungswissenschaftlicher Forschung
Zusammenfassung des Artikels: 2007, 21(3), 342-344
Bachmann, A. & Wolf, P. (2007). Wenn Lehrer schlagen. Die verschwiegene Gewalt an unseren Schulen. Köln: Droemer, 2007, 281 S., 12,90€, ISBN 978-3-426-27425-5.
Wer in einem Buchladen nach diesem Titel fragt, bewirkt leicht betroffenes Schweigen. So als wüsste jeder, worum es geht. Dass es hier Lehrer sind und nicht Schüler, von denen Gewalt ausgeht (und letzteres vielleicht nur eine Wirkung ist), überrascht. In dem Buch berichten viele davon, wie Schüler von Lehrern gekränkt und auch geschlagen werden und wie hilflos Einsprüche sind. Zahlenmaterial existiert über dies Skandalon in Bremen und Baden-Württemberg, und was bedeutet es, wenn im Durchschnitt in jeder Klasse „nur“ ein Kind geschlagen wird und an einer Schule nur „ein“ Lehrer schlägt ? Geht hiervon eine abschreckende Wirkung aus, die dem Lernen und der seelischen Gesundheit aller abträglich ist?
Die gut lesbare, informative und erstaunlich sachliche Studie klärt über diese Wirklichkeit und Schweigen anschaulich und genau auf, sie ist bereichert durch erhellende Tabellen, ein Interview mit einem Wissenschaftler der Polizei und umfangreiche Tipps. Helfen diese aber, wenn die Gesellschaft Kindern abwechselnd freundlich und hart bzw. frustrierend begegnet? Was nützen gewonnene Prozesse in einer Gesellschaft, die ausgerechnet hier Mitleid mit den betreffenden Lehrern hat? Man denke an einen Gundschullehrer in Aurich, der sehr viele Strafanzeigen bekam und von Eltern sehr lange unterstützt wurde. Hätte es aber den Protest nicht gegeben, würde er wahrscheinlich jetzt noch Kinder misshandeln.
Wenn allerdings Eltern ihren angegriffenen Kindern helfen, werden sie schnell isoliert und krank. Dass sich aber Protest lohnt, zeigt das Buch.
Die Berichte, die nicht einmal die drastischsten sind, regen zum Denken an: Sind Schule und Gesellschaft wirklich demokratisch und solidarisch, wie es die Partizipationsrechte der Eltern, Jugendlichen und Kinder nahelegen? Sofern der Staat den Eltern die Verantwortung und Aufsicht etwas abnimmt, aber im öffentlichen eignen Bereich die Fälle nicht aufklärt und die schwarzen Schafe schützt, müsste dann nicht die Schul-Pflicht eingeschränkt werden, in Unterrichts-Pflicht umgewandelt – und das Homeschooling-Verbot von 1938 aufgehoben? Oder sollte die grundgesetzliche Bildungsfreiheit der mit Lehrerdruck und bei „Schwänzern“ mit Polizei-Gewalt durchgesetzten Schulpflicht geopfert werden? Erforschen und verringern die immer mehr zum Bildungshaushalt gehörenden teuren, zeitaufwendigen und wissenschaftlich umstrittenen Schul-Evaluationen die Lehrergewalt? Fördern sie auf Dauer die Lernfreude – und bei den Lehrern bzw. Testern das Engagement?
Wer über beleidigende, schreiende und schlagende Lehrer klagt, stößt bei ihnen auf wenig Verständnis. Wie Ärzte, so haben auch sie Probleme mit Kritikern, besonders auch, wenn diese einem vergleichbaren sozialen Umfeld entstammen und damit häufig (zu) hohe pädagogische Anforderungen an Schule und Lehrer hinsichtlich Reflexionsfähigkeit und Rückkopplung stellen. Schulen drohen daher auch schon mal mit staatlichen Maßnahmen wie dem Jugendamt, und zwar ausgerechnet den bürgerlichen/gebildeten Eltern, die ihre Kinder freundlich behandeln.
Die zunehmende Regulierungsleidenschaft des Staates, der immer mehr Eltern z. B. durch den Ausbau von Hortplätzen Aufgaben abnimmt, ist nach der Lektüre des Buches wenig nachvollziehbar. Warum sollte nicht das, was für Lehrer gilt, auf Erzieher übertragbar sein? Aktuelle Studien über schädliche Kindergärten oder über ein späteres Einschulungsalter wie die klassische von Moore plädieren für individuellere, frustrationsfreie Erziehung. Wer seine Kinder nicht früh und lange Institutionen anvertraut, so scheint es, bekommt wie Professor Norbert Bolz im vornehmen Berlin-Zehlendorf bei der Einschulung seines Kindes von Schulvertretern und in einer Talk Show von Politikern zu hören, dass der Hortbesuch nach der Schule sehr ratsam wäre und andernfalls eine gesellschaftliche „Isolierung“ drohe. Dabei wollen auch oder gerade Eltern mit ihren Kindern lernen und spielen. Und diese möchten eventuell Musikschulen, Schach- oder Reitvereine besuchen und wollen mit Freunden, die sie sich selbst aussuchen, nachmittags herumstromern und auch mal ohne Anleitung und Aufsicht eigne Spiele entwickeln.
Wer von den staatlich-platonischen Weisungen abweicht, sieht sich oft allein, rechtfertigt sich, findet nur schwer, wenn überhaupt eine Lösung und zeigt den Jüngsten, dass Courage in der Demokratie nicht selbstverständlich ist.
Auch wer nichts mit Kindern und Lehrern zu tun hat, kann sich nach der Lektüre die Situationen, die so gern verdrängt werden, vorstellen und Lösungen entwickeln. Die Autoren Bachmann und Wolf reflektieren sehr strukturiert einen großen Schatz von Erfahrungen, als hätte ihnen manchmal ein Pensionär im Blick auf sein frustriertes Lehrerleben geholfen: „Aus ganz praktischen Gründen ist es den meisten Pädagogen in ihrem beruflichen Alltag nicht vergönnt, sich der Faszination kindlicher Entwicklung hinzugeben. Zum Beobachten ist weniger Zeit als zum ‚Beschulen’. Auch ist die durchschnittliche Lehrkraft einfach mit zu vielen Schülerinnen und Schülern konfrontiert, als dass sie das leisten könnte.“ (S. 53) Nun könnte ja, um die schwarzen Schafe zu isolieren, der Beamtenstatus abgeschafft werden. Das System der Schulen würde dann, wie an privaten erfahrbar, die komischen Vögel schikanieren und kündigen, aber die Schläger ihre Arbeit machen lassen, vor allem wenn diese beliebt und in Gremien aktiv sind.
Juristisch klärt das Buch auf über Klageweisen und Aussichten, soziologisch über den Tatort Schule, psychologisch über die Besonderheiten ihres Personals, und es orientiert sich praktisch an den Interessen der Eltern und Kinder. Hieraus könnten Lehrer, Schulleiter und Politiker lernen, wie verfahren die ganze Situation ist – und wie leicht es eigentlich für sie wäre herauszuhelfen.
Betroffene hätten mehr Aussichten, würden sich Eltern, Lehrer, Schulleitungen mit ihrer Klientel offen und freundlich verständigen, wie das auch die Schulgesetze der Länder vorgeben. Die vielen „Fälle“ frustrierter Schüler – und Lehrer – und der polarisierende und machtvolle Umgang bieten keinen Ausweg. Wenn Eltern klagen und Lehrer ihren Unmut darüber an den Kindern auslassen, bleibt als Tipp, wenn alles versagt, nicht mehr mit Lehrern reden, um den Teufelskreis zu unterbrechen, und die eigenen Kinder zu stärken, damit sie der Schule gewachsen sind. Abwarten, schweigen, hoffen und Humor. Wenn aber alle das machen, gibt es keine Hoffnung mehr. Nach Filmen wie „Club der toten Dichter“ und „Die Kinder des Monsieur Mathieu“, nach den Arbeiten von Hermann Hesse, Thomas Mann, dem „Schüler Gerber“, Studien von Alfred Adler, Thomas Gordon, Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Mario Erdheim u. a. möge es schließlich dieser Pflichtlektüre gelingen den Schüleralltag zu verbessern.
Anschrift des Autors:
Dr. Wilhelm Gauger, Sachsenwaldstraße 2, 12157 Berlin, E-Mail: gauger1@gmx.de
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Stand: 27.09.07