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Empirische Pädagogik

Zeitschrift zu Theorie und Praxis erziehungswissenschaftlicher Forschung

Zusammenfassung des Artikels: 2007, 21(2), 095-0100

 

Editorial

Michaela Gläser-Zikuda

Potenziale und Grenzen von Lerntagebuch und Portfolio im Bildungsbereich

Lerntagebücher und Portfolios sind derzeit ein wesentliches Thema im gesamten Bildungsbereich (vgl. Häcker, 2002). Sie werden mit Fragestellungen der Pädagogischen Diagnostik (Lissmann, 2001), der Förderung von Methodenkompetenzen (Schallies, Wellensiek & Lembens, 2000), mit Ansätzen selbstreflexiven Schreibens (Bräuer, 2000; Bangert-Drowns, Hurley & Wilkonson, 2004), selbstregulierten Lernens (Spörer & Brunstein, 2006) sowie der Lernstrategieforschung (Wild & Schiefele, 1994) in Verbindung gebracht.

Bei Lerntagebüchern und Portfolios handelt es sich um Selbstberichts- bzw. Selbstreflexionsinstrumente mit Prozesscharakter. Das Tagebuch ist in der Pädagogik wie in der Psychologie bereits seit längerem fest verankert (vgl. Fischer, 1997; Seemann, 1997). Es zeichnet sich durch Alltagsorientierung, Dokumentation, Reflexion, Kontinuität und Sammlung als persönliches Dokument aus. Verschiedene Formen des Tagebuchs werden unterschieden: so z. B. als Jugendtagebuch, Forschungstagebuch oder Lerntagebuch. Insbesondere die letztgenannte Form ist eine in den letzten Jahren neue Variante (Gallin & Ruf, 1998), die als pädagogisches Instrument Lernenden zur Dokumentation und Reflexion ihrer Lernprozesse dient. Zur Analyse von Lernprozessen lässt es sich einerseits als eher qualitatives (Gläser-Zikuda, 2001; Mayring, 1995), andererseits als quantitatives Instrument (Renkl, Nückles, Schwonke, Berthold & Hauser, 2004) konzipieren. In einigen Studien wird es mittlerweile sehr effektiv als Interventionsinstrument eingesetzt (Perels, Schmitz & Bruder, 2003; Schmitz, 2001; Spinath & Wohland, 2004; vgl. auch die Beiträge Landmann & Schmitz sowie Hübner, Nückles & Renkl in diesem Themenheft).

Die Merkmale des Tagebuchs treffen im Wesentlichen auch auf das Portfolio zu, allerdings zeichnet sich dieses insbesondere durch seinen Sammlungs- und Beurteilungscharakter aus (Paulson, Paulson & Meyer, 1991). Vor allem für die Lern- und Leistungsdiagnostik bietet es daher vielfältige Möglichkeiten (Lissmann, 2004; vgl. auch Häcker & Lissmann in diesem Themenheft). Zudem wird mit dem Portfolio-Ansatz die Zielsetzung verfolgt, Lernende zu selbstständigem und eigenverantwortlichem Arbeiten zu führen (vgl. Brunner und Schmidinger, 2001). Die Orientierung an Ansätzen selbstregulierten Lernens, welche die Bedeutung von Selbstbeobachtung und -reflexion hervorheben, ist unübersehbar (vgl. Beiträge von Brouër, Gläser-Zikuda & Göhring in diesem Themenheft). Der Einsatz von Portfolios markiert zudem eine Wende von einem stark lehrerzentrierten Instruktionsverständnis hin zu einer stärkeren Orientierung an den Lernenden. Hiermit geht die Entwicklung von Lehr-Lernarrangements hin zu einer neuen Lernkultur (Weinert, 1997) einher, die sich durch aktiv-selbstständiges, konstruktives, motiviertes und kooperatives Lernen ohne Leistungsdruck auszeichnet. Dies gilt nicht nur für den schulischen Bereich, sondern zunehmend auch für Hochschule und insbesondere die Lehrerbildung (vgl. Hascher & Wepf in diesem Themenheft).

Lerntagebücher und Portfolios erfahren in den letzten Jahren nicht nur eine starke Resonanz in der Bildungspraxis, sondern auch in der Bildungsforschung werden sie nun diskutiert und einer empirisch gesicherten Prüfung unterzogen. Ganz deutlich zeigt sich dies insbesondere an drei zentralen deutschsprachigen Publikationen der letzten beiden Jahre (Brunner, Häcker & Winter, 2006; Gläser-Zikuda & Hascher, 2007; Häcker, 2007; Landmann & Schmitz, 2007). Die Bände stellen einerseits konzeptionelle Darstellungen und Erfahrungen von Praktikern vor, andererseits berichten sie aber auch über erste empirische Ergebnisse.

Nach einem ersten Symposium auf dem 45. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Nürnberg sowie einem zweiten Symposium im Rahmen der der 68. Tagung der Arbeitsgemeinschaft für Empirisch-Pädagogische Forschung in München war es aufgrund der Aktualität und Relevanz des Themas naheliegend, einige der dort präsentierten Beiträge in einem Themenheft zusammenzufassen. Mit dem hier vorliegenden Themenheft soll folglich ein Beitrag zum Stand der Diskussion zu Konzeption, Entwicklung und Wirksamkeit von Lerntagebüchern und Portfolios im Bildungsbereich geleistet werden. Das Themenheft vereint daher einerseits konkrete empirische Untersuchungen, die als explorative bzw. Interventionsstudien angelegt sind. Andererseits tragen kritisch-reflektierende Beiträge dazu bei, die praxisbezogenen Erfahrungen und empirischen Untersuchungen theoretisch einzuordnen und zu beurteilen. Die Beiträge verdeutlichen die Perspektiven der Pädagogischen Psychologie sowie der Erziehungswissenschaft auf die Thematik. Dabei werden auch verschiedene forschungsmethodische Zugänge vorgestellt, wie beispielsweise Inhaltsanalyse von Lerntagebüchern und Portfolios, Befragung per Interview und Fragebogen, explorative Analysen sowie experimentelle Studien und Interventionen. Die Beiträge beziehen sich allgemein auf den Bildungsbereich, beleuchten hierbei aber den schulischen, hochschulischen sowie beruflichen Bereich genauer.

Im ersten Teil des Themenhefts werden drei Beiträge zum Potenzial von Lerntagebüchern vorgestellt, im zweiten Teil folgen drei Beiträge zum Portfolio-Ansatz.

Im ersten Beitrag von Tina Hascher und Lorenz Wepf wird ein Forschungsprojekt vorgestellt, im Rahmen dessen Lernprozesse und -inhalte im Praktikum von Lehramtsstudierenden anhand von Tagebüchern analysiert wurden. Lehramtsstudierende führten ein Lerntagebuch in teils geschlossenem, teils offenem Format und berichteten über verschiedenste Lernsituationen im Unterrichtspraktikum. Die mit Qualitativer Inhaltsanalyse ausgewerteten Daten aus den Lerntagebüchern weisen auf einen hohen Anteil an Reflexionen zum Erwerb didaktischer Kompetenzen hin. Das Potenzial dieses Selbstreflexionsinstruments wird im Hinblick für seien Bedeutung für die Lehrerbildung diskutiert.

Der zweite Artikel von Sandra Hübner, Matthias Nückles und Alexander Renkl fokussiert auf die instruktionale Unterstützung von Studierenden beim Schreiben von Lerntagebüchern, um kognitive und metakognitive Prozesse zu fördern. Spezifische Leitfragen (Prompts) erwiesen sich als besonders effektiv, wie die Autoren in mehreren experimentell angelegten Studien belegen konnten. Die Chancen, aber auch Risiken einer instruktionalen Vorstrukturierung durch Prompts beim Schreiben von Lerntagebüchern werden diskutiert.

Im dritten Beitrag diskutieren Meike Landmann und Bernd Schmitz Nutzen und Grenzen standardisierter Selbstregulationstagebüchern unter der Perspektive des Self-Monitoring-Ansatzes. Dabei steht die Förderung der Beobachtung und Aufzeichnung des eigenen (Lern-)verhaltens im Mittelpunkt. Die Autoren präsentieren zwei Studien, im Rahmen derer das alleinige Bearbeiten von Tagebüchern im schulischen sowie im beruflichen Kontext evaluiert wurde. Im Hinblick auf die Datenanalyse gehen sie auf die vielfältigen Möglichkeiten zeitreihenanalytischer Möglichkeiten von Prozessdaten, wie sie beim Führen von Tagebüchern produziert werden, ein.

Im zweiten Teil des Themenhefts thematisiert der vierte Beitrag von Birgit Brouër die Tauglichkeit von Portfolios zur Förderung der Selbstreflexion von Studierenden im Rahmen von Hochschulveranstaltungen. Die Autorin stellt eine Studie vor, welche zum Ziel hatte, die Einführung von Portfolios in der universitären Handelslehrerausbildung zu evaluieren. Einerseits wurde ein Zugang per Fragebogen gewählt, um die Akzeptanz der Portfolioarbeit zu erfassen. Andererseits unterzog die Autorin die Portfolios der Studierenden einer Qualitativen Inhaltsanalyse. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden im Hinblick auf Vor- und Nachteile der Portfolioarbeit zur Förderung der Selbstreflexion diskutiert.

Im fünften Beitrag stellen Michaela Gläser-Zikuda und Anja Göhring ein Forschungsprogramm zum Portfolio-Einsatz in der Sekundarstufe I vor. Die Autorinnen stellen zwei Studien vor, die einerseits darauf abzielten, selbstreguliertes Lernen von Sekundarschülern zu analysieren, und andererseits in einer quasi-experimentellen Interventionsstudie Lernstrategien und Lernleistungen zu fördern. Neben schriftlichen und mündlichen Befragungsmethoden wurden die Portfolios der Schüler inhaltsanalytisch auf die Qualität selbstregulierten Lernens untersucht. Potenziale aber auch Grenzen des Portfolio-Ansatzes werden in diesem Zusammenhang diskutiert.

Der sechste und letzte Beitrag von Thomas Häcker und Urban Lissmann zielt darauf ab, die Portfoliomethode systematisch im Rahmen eines Kontextmodells funktional innerhalb von Unterricht, Schule und Gesellschaft zu verorten. Mit Hilfe eines Rahmenmodells, das nicht nur konzeptionelle, sondern auch empirische Arten und Typen von Portfolios im Bildungsbereich abzubilden erlaubt, werden Problemfelder der Portfoliomethode dargestellt. Diese beziehen sich primär auf Anforderungen an die Leistungsbeurteilung, z. B. im Hinblick auf Kompetenzen und neue Lernformen. Daneben sind aber auch Anforderungen an die Lernförderung, z. B. das Lernen von Leisten sowie das Fördern von Kompetenzen angesprochen. Abschließend diskutieren die Autoren Bedingungen und Wirkungen erfolgreicher Portfolioarbeit für individuelles Lernen und die Personal- und Schulentwicklung.

Die vorliegenden Beiträge illustrieren demzufolge aus verschiedensten Perspektiven die Potenziale, aber auch Grenzen von Lerntagebüchern und Portfolios im Hinblick auf zentrale Bildungs- und Lernaspekte wie Selbstregulation, Lernmotivation, die Relevanz von Lernstrategien, Lernleistungen sowie Grundfragen der Pädagogischen Diagnostik. Sie verdeutlichen wie wichtig es, zumal im Zusammenhang mit der derzeit vehement diskutierten Qualität des Bildungswesens, ist, neue bzw. wieder entdeckte Konzepte nicht nur in ideell-normativer Hinsicht zu diskutieren, sondern sie auch auf ihren Ertrag hin für die Lernenden sowie das Bildungssystem insgesamt kritisch zu überprüfen – so wie dies auch im Titel dieses Themenhefts zum Ausdruck kommen soll.

Literatur

Bangert-Drowns, R. L., Hurley, M. M. & Wilkonson, B. (2004). The effects of school-based writing-to-learn interventions on academic achievement: A meta-analysis. Review of Educational Research, 74, 29-58.

Bräuer, G. (2000). Schreiben als reflexive Praxis. Tagebuch, Arbeitsjournal, Portfolio. Freiburg: Fillibach.

Brunner, I., Häcker, T. & Winter, F. (Hrsg.). (2006). Das Handbuch Portfolioarbeit. Konzepte, Anregungen, Erfahrungen aus Schule und Lehrerbildung. Seelze: Kallmeyer.

Brunner, I. & Schmidinger, E. (2001). Leistungsbeurteilung in der Praxis. Der Einsatz von Portfolios im Unterricht der Sekundarstufe I. Linz: Veritas.

Fischer, D. (1997). Das Tagebuch als Lern- und Forschungsinstrument. In B. Friebertshäuser & A. Prengel (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft (S. 693-703). Weinheim: Juventa.

Gallin, P & Ruf, U. (1998). Sprache und Mathematik in der Schule: auf eigenen Wegen zur Fachkompetenz. Seelze: Kallmeyer.

Gläser-Zikuda, M. (2001). Emotionen und Lernstrategien in der Schule. Eine empirische Studie mit Qualitativer Inhaltsanalyse. Weinheim: Deutscher Studien Verlag.

Gläser-Zikuda, M. & Hascher, T. (Hrsg.). (2007). Lernprozesse dokumentieren, reflektieren und beurteilen. Lerntagebuch & Portfolio in Bildungsforschung und Bildungspraxis. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Häcker, T. (2002). Der Portfolioansatz – die Wiederentdeckung des Lernsubjekts? Rezeption und Entwicklungen im deutschen Sprachraum. Die Deutsche Schule, 94, 204-216

Häcker, T. (2007). Portfolio: ein Entwicklungsinstrument für selbstbestimmtes Lernen. Eine explorative Studie zur Arbeit mit Portfolios in der Sekundarstufe 1. (2., überarb. Aufl.). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren

Landmann, M. & B. Schmitz (Hrsg.). (2007). Selbstregulation erfolgreich fördern. Praxisnahe Trainingsprogramme für effektives Lernen. Stuttgart: Kohlhammer.

Lissmann, U. (2001). Die Schule braucht eine neue Pädagogische Diagnostik. Formen, Bedingungen und Möglichkeiten der Portfoliobeurteilung. Die Deutsche Schule, 93, 486-497.

Lissmann, U. (2004). Beurteilung und Beurteilungsprobleme bei Portfolios. In R. S. Jäger, Von der Beobachtung zur Notengebung – Ein Lehrbuch. Diagnostik und Benotung in der Aus-, Fort- und Weiterbildung. Mit einem Beitrag von Urban Lissmann (5. Auflage) (S. 211-241). Landau: Verlag Empirische Pädagogik.

Mayring, P. (1995). Möglichkeiten fallanalytischen Vorgehens zur Untersuchung von Lernstrategien. Empirische Pädagogik, 9, 155-171.

Paulson, F. L., Paulson, P. R., & Meyer, C. A. (1991). What makes a portfolio a portfolio? Eight thoughtful guidelines will help educators encourage self-directed learning. Educational Leadership, 48 (5), 60-63.

Perels, F., Schmitz, B. & Bruder R. (2003). Trainingsprogramm zur Förderung der Selbstregulationskompetenz von Schülern der achten Gymnasialklasse. Unterrichtswissenschaft, 31, 23-37.

Renkl, A., Nückles, M., Schwonke, R., Berthold, K. & Hauser, S. (2004). Lerntagebücher als Medium selbstgesteuerten Lernens: Theoretischer Hintergrund, empirische Befunde, praktische Entwicklungen. In M. Wosnitza, A. Frey & R. Jäger (Hrsg.), Lernprozess, Lernumgebung und Lerndiagnostik (S. 101-116). Landau: Verlag Empirische Pädagogik.

Schallies, M., Wellensiek, A. & Lembens, A. (2000). Portfolios als Lehr- und Lerninstrument im Problemorientierten Unterricht. Ethik & Unterricht, 11, 30-34.

Schmitz, B, (2001). Self-Monitoring zur Unterstützung des Transfers einer Schulung in Selbstregulation für Studierende. Eine prozessanalytische Untersuchung. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 15, 179-195.

Seemann, H. (1997). Tagebuchverfahren – eine Einführung. In G. Wilz & E. Brähler (Hrsg.), Tagebücher in Therapie und Forschung. Ein anwendungsorientierter Leitfaden (S. 13-33). Göttingen: Hogrefe.

Spinath, B. & Wohland, J. (2004). Die Wirksamkeit eines Lerntagebuchs zur Förderung motivationaler Voraussetzungen für Lern- und Leistungsverhalten bei Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Heilpädagogische Forschung, 30, 20-28.

Spörer, N. & Brunstein, J. C. (2006). Erfassung selbstregulierten Lernens mit Selbstberichtsverfahren. Ein Überblick zum Stand der Forschung. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 20, 147-160.

Weinert, F. E. (1997). Lernkultur im Wandel. In E. Beck, T. Guldimann & M. Zutavern (Hrsg.), Lernkultur im Wandel (S. 11-29). St. Gallen: UVK.

Wild, K. P. & Schiefele, U. (1994). Lernstrategien im Studium. Ergebnisse zur Faktorenstruktur und Reliabilität eines neuen Fragebogens. Zeitschrift für Differentielle und Diagnostische Psychologie, 15, 185-200.

Anschrift der Autorin:

PD Dr. Michaela Gläser-Zikuda, Institut für Erziehungswissenschaft, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Rempartstraße 11, 79098 Freiburg, Telefon: +49 761 203 2449, E-Mail: michaela.glaeser-zikuda@ezw.uni-freiburg.de

 Stand: 26.06.07