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Empirische Pädagogik

Zeitschrift zu Theorie und Praxis erziehungswissenschaftlicher Forschung

Zusammenfassung des Artikels: 2006, 20(3), 339-341

 

Rezensionen

Gundlach, E. (2006). Bildungspolitik im Zeitalter der Globalisierung
(Zukunft der Sozialen Marktwirtschaft, Bd. 7).
Stuttgart: Lucius & Lucius, ISBN 3-8282-0355-8, 83 S., € 11,90.

Der Autor geht von der wirtschaftwissenschaftlichen Humankapitalforschung aus und versucht mit dieser theoretischen Basis Ursachen von Leistungsunterschiedenen einer größeren Anzahl von Vergleichsuntersuchungen zu klären. Er baut dabei auf die These des Vaters der ökonomischen Analyse, Adam Smith, „… dass freie Handelsbeziehungen im Zusammenspiel mit einem stabilen Rechtssystem als Quelle für den Wohlstand der Nationen gelten können“ (S. 11).

Die Voraussetzungen für eine Entwicklung der Länder werden durch Bildungsinvestitionen geleistet, die als Investitionen in Humankapital verstanden werden. Allerdings – so der Autor – sei festzuhalten, gäbe es „wenige Belege dafür, dass höhere Bildungsausgaben, etwa in Form geringerer Klassengrößen, die Leistungen der Schüler verbessern können“ (S. 15). Eine Alternative sieht er darin, „bei gleich bleibendem Ausgabenniveau die institutionellen Regeln der Schulsystems zu verändern“ (S. 15). Zu diesen Regeln zählt er die Bestimmung über Budgets, Personal, Lehrpläne und die darüber zu führende Kontrolle. Damit wird eine veränderte Outputoption angesprochen: Es zählt hierzu die Leistungskontrolle, die unter der Prämisse durchgeführt wird, nachfolgend an den entscheidenden Stellen Veränderungen zu implementieren. Leider fehlt in der Aufzählung die Unterrichtsqualität (s. Helmke, 2005). Sie wird nur indirekt angesprochen. Sie scheint – neben der Personal- und Organisationsentwicklung – eine entscheidende Basis für einen höheren Output darzustellen.

Der Autor beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Produktivitätsfunktion im Kontext von Bildung angehen lässt. Hierbei hinterfragt er, ob einer der Produktionsfaktoren das volkswirtschaftliche Humankapital der Arbeitskräfte ist (S. 19ff). Ernüchternd ist das Resultat seiner Recherchen:  Bildungsausgaben korrespondieren nicht mit Bildungsqualität. Hierzu trägt er verschiedene Untersuchungsbefunde bei, unter anderem zur Klassengröße. Dabei ist nicht das Resultat von besonderer Bedeutung, vielmehr die vom Autor dargelegte Argumentationskette. Sie lässt erkennen, warum die bislang vorliegenden empirischen Resultate sehr unterschiedlich und widersprüchlich ausfallen und damit das empirische Ergebnis erklären.

Bedeutsam sind auch die Auslassungen des Autors über Bildungsausgaben und Arbeitsproduktivität. Während in der Arbeitswelt die Regularien längst als ausgereizt erscheinen, ist das offensichtlich im Bildungsbereich nicht der Fall. So stiegen – so seine Ausführungen – die Bildungsausgaben in Deutschland in der Zeit zwischen 1970 bis 1994 um 174%, die Produktivität dagegen um lediglich 50.4%, bei zugleich dem bekannten ernüchternden Resultat aus Vergleichsuntersuchungen wie TIMSS und PISA. Das Resümee des Autors ist richtig: „Demnach scheint die Produktivität der schulischen Ausbildung … zum Teil, drastisch gefallen zu sein, was als Beleg für ineffiziente Schulsysteme gelten kann“ (S. 42). Hieraus wird der Schluss gezogen: „Die Frage ist deshalb, ob der von staatlicher Seite festgesetzte institutionelle Rahmen so gestaltet wird, dass alle beteiligten Akteure … Anreize vorfinden, die verfügbaren Ressourcen effektiv einzusetzen“ (S. 54).

Der Autor kommt für den Rezensenten zu dem richtigen folgenrichtigen Schluss: „Ob Bildungspolitik die Weichen in Richtung besserer Bildungspolitik erfolgreich stellen kann, scheint nach den vorliegenden empirischen Analysen eher von ordnungspolitischen Grundsatzentscheidungen als von zusätzlichen Ausgaben abzuhängen“ (S. 77). Dazu hat das Bildungsbarometer (Arbinger et al., 2006; www.bildungsbarometer.de ) entsprechende Vorarbeit geleistet. Die Volksseele hat hierbei kundgetan, was Politiker offensichtlich nur schwer umsetzen können und durch die Ordnungspolitik im Rahmen der Föderalismusentscheidung sogar falsch angehen: Der Schwerpunkt sollte bei der Frühförderung gesetzt und sie muss durch eine gezielte Förderung in den Schulen fortgesetzt werden.

Dieses Buch liefert am Ende keine essentiell neuen Erkenntnisse, unterstützt aber durch seine Blickrichtung und die Argumentation des Autors, was an anderer Stelle (auch in empirischen Untersuchungen) bereits angedacht wurde. Deshalb ist die Lektüre durchaus ein Gewinn, auch wenn die ökonomischen Überlegungen nur verkürzt dargestellt werden.

Eine zweite Schlussfolgerung scheint ebenso bedeutsam zu sein: Bei einer solch komplexen Materie, wie der Output der Bildungssysteme, ist es zukünftig notwendig, nicht das Feld einseitig zu bestellen, vielmehr sind interdisziplinäre Forschungskooperationen unabdingbar, um diesen Teil des Humankapitals mit Gewinn in die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft einzubringen.

Literatur

Arbinger, R., Jäger, R. S., Jäger-Flor, D., Lissmann, U. & Mengelkamp, C. (2006). Bildung in Deutschland: Ein Jahr Bildungsbarometer (VEP-Aktuell 7). Landau: Verlag Empirische Pädagogik.

Helmke, A. (2005). Unterrichtsqualität erfassen, bewerten, verbessern. Seelze: Kallmeyer.

Anschrift des Autors:

Prof. Dr. Reinhold S. Jäger, Zentrum für empirische pädagogische Forschung (zepf), Universität Koblenz-Landau, Campus Landau, Bürgerstraße 23, 76829 Landau. Telefon: 06341-906-175, Telefax: 06341-906-166, E-Mail: jaeger@zepf.uni-landau.de

 Stand: 04.10.06