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Empirische Pädagogik

Zeitschrift zu Theorie und Praxis erziehungswissenschaftlicher Forschung

Zusammenfassung des Artikels: 2004, 18 (4), 379-381

 

Editorial

Jürgen Abel und Christian Tarnai

Interesse und Sozialisation

Die Bedeutung von Interessen für die Sozialisation war Anlass für die Herausgeber dieses Themenhefts, das Symposium „Interesse und Sozialisation“ auf der Tagung der „Arbeitsgruppe für Empirische Pädagogische Forschung“ (AEPF) im Frühjahr 2003 in Frankfurt zu organisieren. Das Symposium steht in einer Reihe von Symposien zu Themen der Interessenforschung, die auf Tagungen der AEPF stattgefunden haben. Es begann 1996 in Salzburg und wurde 1998 in Mannheim und 2000 in Bremen fortgesetzt. Die Ergebnisse des Salzburger Symposiums sind in einem Sammelband (Abel & Tarnai, 1998) zusammengefasst, die Beiträge des Mannheimer Symposiums mit dem Schwerpunkt „Geschlechtsspezifische Interessen“ sind in der Zeitschrift Empirische Pädagogik, 2000, Heft 3 (Abel & Tarnai, 2000) veröffentlicht worden. Das vorliegende Themenheft basiert auf den Beiträgen zum Symposium in Frankfurt.

Die Entwicklung des Interesses erfolgt nach Todt (1995) durch eine aktive Auseinandersetzung einer Person mit ihrer physischen und sozialen Umwelt. Interessen sind das Ergebnis der Sozialisation, gleichzeitig beeinflussen sie aber auch die Sozialisation. Die Interessen sind nämlich im Laufe ihrer Entwicklung Filter bei der Wahrnehmung der Umwelt. In diesem Prozess werden immer weitere Kriterien maßgebend, durch die Interessenbereiche ausgeblendet werden. Die wichtigsten Sozialisationsinstanzen für die Interessenentwicklung sind Schule und Familie, welche überwiegend die Kriterien liefern, nach denen die Umwelten wahrgenommen werden (Todt, 2000, S. 222f). Interessenbasierte Berufs- und Studienfachwahlen sind Ergebnisse dieser aktiven und passiven Sozialisation.

Im ersten Beitrag „Interessen als Motor und als Folge der Sozialisation“ beschäftigt sich Todt mit der These, dass Interessen sowohl Voraussetzungen als auch Folgen von Sozialisierungs- bzw. Entwicklungsprozessen sein können. Er zeigt anhand mehrerer Retrospektivuntersuchungen, welche Dynamik allgemeine Interessen in der zweiten Lebensdekade haben können. Subjektive Theorien von Studierenden über mögliche Determinanten der eigenen Interessen bilden den Abschluss des Beitrages.

Im zweiten Beitrag „Der Einfluss von Interessen auf die Lehrer-Wahrnehmung von Schülern und Schülerinnen“ beschäftigen sich Eder und Bergmann mit dem Einfluss der schulischen Sozialisation auf das allgemeine Interesse. Der Beitrag untersucht, inwieweit die Interessen der Schüler – verstanden als grundlegende Persönlichkeitsorientierungen im Sinne des Modells von Holland (1985, 1997) – unterschiedliches Interaktionsverhalten bei Lehrern auslösen. Dazu wurden einerseits die Interessen der Schüler anhand des Allgemeinen Interessen-Struktur-Test (Bergmann & Eder, 1992) und zusätzlich das Interaktionsverhalten der Lehrer durch Schülerbeschreibungen erhoben. Die Ergebnissen dieser Untersuchung zeigen einen Einfluss der unterschiedlichen Interaktionsmuster auf die Schulleistungen der Kinder.

Der dritte Beitrag von Lewalter und Krapp „Interesse und berufliche Sozialisation im Rahmen der Ausbildung“ fragt auf der Basis der Selbstbestimmungstheorie und der Person-Gegenstands-Theorie des Interesses: (1) Welche Rolle spielen Interessen für die Wahl des Ausbildungsberufs?, (2) Wie verändern sich berufsbezogene Interessen im Verlauf der Ausbildung und der ersten Phase der Berufstätigkeit? und (3) Unter welchen Voraussetzungen entstehen berufsbezogene Interessen während der Ausbildungszeit? Die Befunde deuten darauf hin, dass Interesse einen wesentlichen Einflussfaktor für die Berufswahl darstellt. Während es im Verlauf der Ausbildung, insbesondere im ersten Ausbildungsjahr, zu einer Abnahme des allgemeinen Ausbildungsinteresses kommt, entwickeln alle Auszubildenden spezifische Interessen für bestimmte Sachverhalte und Themengebiete, die sie häufig im ersten Berufsjahr weiterführen. Schließlich weisen die Befunde sowohl den Lehr-Lernkontexten Berufsschule und Betrieb als auch dem emotionalen Erleben während der Ausbildung eine Bedeutung für die Entwicklung interessenbasierter Motivationsformen zu.

Jürgen Abel geht im vierten Beitrag auf den „Zusammenhang zwischen Interessenorientierungen und Studieninteresse in verschiedenen Studienfächern“ ein. Studienfachwahlen als Ergebnis der bisherigen Sozialisation werden von allgemeinen (Berufs-) Interessen beeinflusst. Allerdings beruhen allgemeines und spezifisches Interesse auf verschiedenen Theorien und haben auch jeweils eigene Untersuchungsinstrumente. Es zeigen sich hier je nach Studienfach unterschiedliche Korrelationen zwischen spezifischen Interesse und den allgemeinen Interessenorientierungen nach Holland (1985, 1997), die für die jeweiligen Studienfächer typisch sind. Die „intellektuell-forschende Orientierung“ zeigt Zusammenhänge mit dem spezifischen Studieninteresse für alle Studierenden auf, was bedeutet, dass zumindest ein Teil der Studierenden nicht nur ausgebildet werden will, sondern auch an Wissenschaft interessiert ist.

Auch Tarnai geht in seinem Beitrag „Zusammenhang von Interesse und Studium nach der Theorie von Holland: Überprüfung der Kongruenzhypothese für die Studienfächer der Universität der Bundeswehr München“ auf die Studienfachwahl ein. Ausgangspunkt ist die besondere Situation der Universität der Bundeswehr München, deren Studenten eine doppelte Berufsperspektive haben: Studium und Offizier. Für diese spezielle Population wird die Kongruenzhypothese untersucht: Geringere Kongruenz von Studium (Umwelt) und Interessenorientierungen (Person) führt zu erhöhter Studienunzufriedenheit. Es ergeben sich keine nennenswerten Korrelationen der Kongruenz, die auf verschiedene Arten operationalisiert wird, mit der Studienzufriedenheit.

Die vorliegenden Beiträge zeigen, dass die Bedeutung der Interessen für die Sozialisation aus den verschiedensten Blickwinkeln betrachtet werden kann und auch betrachtet werden muss, um der Heterogenität und der Vielfalt der Perspektiven Rechnung zu tragen, welche die Sozialisation als Forschungsfeld charakterisieren.

Literatur

Abel, J. & Tarnai, C. (Hrsg.). (1998). Pädagogisch-psychologische Interessenforschung in Studium und Beruf. Münster: Waxmann.

Abel, J. & Tarnai, C. (2000). Geschlechtsspezifische Interessen in ausgewählten Studienfächern. Empirische Pädagogik, 14, 287-317.

Bergmann, C. & Eder, F. (1992). Allgemeiner Interessen-Struktur-Test (AIST), Umwelt-Struktur-Test (UST). Testmanual. Weinheim: Beltz Test.

Holland, J. L. (1985). Making vocational choices. A theory of vocational personalities and work environments. Englewood-Cliffs, NJ: Prentice-Hall.

Holland, J. L. (1997). Making vocational choices. A theory of vocational personalities and work environments (3rd ed.). Lutz, FL: Psychological Assessment Resources.

Todt, E. (1995). Entwicklung des Interesses. In H. Hetzer, E. Todt, I. Seiffge-Krenke & R. Arbinger (Hrsg.), Angewandte Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters (S. 213-264). Heidelberg: Quelle & Meyer.

Todt, E. (2000). Geschlechtsspezifische Interessen. Empirische Pädagogik, 14, 215-254.

 

Stand: 03.12.04