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Empirische Pädagogik
Zeitschrift zu Theorie und Praxis erziehungswissenschaftlicher Forschung
Rezension: 2000, 14 (2), 197-199
Thonhauser, J. & Patry, J.-L. (Hrsg.). (1999). Evaluation im Bildungsbereich: Wissenschaft und Praxis im Dialog. (Studien zur Bildungsforschung & Bildungspolitik 22). Innsbruck, Wien: Studien-Verlag. 214 Seiten incl. Sachregister, 28 Abbildungen und Tabellen, DM 39,80. ISBN 3-7065-1399-4
Der vorliegende Band fasst die Ergebnisse eines Symposiums vom Februar 1999 des Instituts für Erziehungswissenschaft der Universität Salzburg, des Instituts für Philosophie der Universität Salzburg und des Instituts für Pädagogik und Psychologie der Universität Linz unter der Leitung von Josef Thonhauser und Jean-Luc Patry zusammen. Experten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich waren zusammengekommen, um sowohl grundlegende Überlegungen als auch praktische Erfahrungen zum Thema Evaluation darzulegen.
Nach einem kurzen Plädoyer der beiden Herausgeber (S. 13-32) für eine gute Evaluation teilt sich das Buch in zwei Teile auf: Im ersten Teil wird in mehreren Referats-Artikeln der Frage nachgegangen, welche Normen in der Evaluation eingesetzt werden und welche angewendet werden sollten (S. 33-137). Im zweiten Teil werden die Durchführung von Evaluationen und deren praktische Folgen behandelt (S. 138-188). Eine kurze Zusammenfassung einer Podiumsdiskussion rundet das Buch ab.
Im ersten Artikel der ersten Teils (S. 35-66) bringt Edgar Morscher zunächst einige terminologische und inhaltliche Erläuterungen zum Thema Ethik. Dafür beleuchtet er die Ethik aus philosophischer, präskriptiver und angewandter Sicht ebenso wie aus dem Standpunkt einer Metaethik, bevor er feststellt, dass Evaluationen zwar nicht generell ethisch beurteilt werden müssen, dass aber an die Durchführung von Evaluationen in jedem Fall bestimmte ethische Anforderungen gestellt werden sollten: Die Autonomie der Betroffen sei zu respektieren und Gerechtigkeit müsse man walten lassen.
Im zweiten Artikel des ersten Teils (S. 67-84) beschäftigt sich Günther Schelling mit der Evaluation aus der Sicht von Auftraggebern. Dabei definiert er zunächst die Gesetzgeber, Ministerien und Bildungsinstitutionen als Auftraggeber von Evaluationen im Bildungsbereich in Österreich, wonach er sich schwerpunktmäßig auf den Fachhochschulrat bezieht, der gesetzlich verankert u.a. die Sicherung eines den Zielen und Grundsätzen angemessenen Standards der Fachhochschulausbildung zum Auftrag hat. In diesem Rahmen wird dies durch einen Evaluierungs-Ausschuss und einen Ausschuss für Qualitätsfragen gewährleistet, die gewissen Regeln genügen und Mindestanforderungen für Evaluationen und deren Berichte definieren. Nach der Darstellung eines Beispiels setzt sich Schelling kritisch mit den praktischen Konsequenzen dieser Art von Evaluation auseinander.
Im dritten Artikel des ersten Teils (S. 85-102) befasst sich Eberhard Ulich mit dem Qualitätsmanagement an Universitäten und Hochschulen am Beispiel der ETH Zürich. Dabei unterscheidet er drei Aspekte von Evaluation: a) die Evaluation der Forschungsleistungen durch Peers, b) die Evaluation der Lehre durch die Studierenden und c) die Evaluation der Verwaltung. Den letztgenannten hebt er als oft vernachlässigtes Stiefkind hervor und beschreibt die „Aktion Q“, ein bereichsübergreifendes Veränderungsprogramm des Qualitätsmanagements, welches zum Ziel hat, die ETH-Verwaltung im Sinne von Konzepten des Total-Quality-Managements zu restrukturieren.
Im vierten Artikel des ersten Teils (S. 103-120) widmet sich Herbert Altrichter dem Thema „Evaluation als Alltäglichkeit, als Profession und als Interaktion“. In einem ersten Schritt arbeitet Altrichter heraus, dass Evaluation in vielen Alltagshandlungen eine große und wichtige Rolle spielt. Daraufhin wird die Alltagshandlung Evaluation in ihrem Wandel zum Beruf Evaluation beschrieben. Abschließend versucht Altrichter, eine Perspektive aufzuzeigen, die die Evaluation als Interaktion zwischen alltäglichen und berufsmäßigen Evaluatorinnen und Evaluatoren betrachtet, die durch ethische Codes strukturiert und reflektiert wird.
Im fünften Artikel des ersten Teils (S. 121-132) geht Detlev Leutner auf Standards empirischer Forschung für Evaluation im Bildungsbereich ein. Dabei führt er aus, dass Evaluation im Bildungsbereich - oft ablaufend als Beobachtung pädagogisch relevanter Sachverhalte - empirische Methoden erfordert, die besonders im Zusammenhang mit der Planung, Durchführung und Bewertung pädagogischer Interventionen stehen. Ferner seien die Standars empirischer Forschung grundsätzlich auf Evaluationen im Bildungsbereich übertragbar und auch für diese notwendig; geschehe dies nicht seien fundierte Ergebnisse nicht zu erwarten.
Im sechsten Artikel des ersten Teils (S. 133-136) nimmt Herbert Altrichter aus der Sicht der Praxis kritisch zu Leutners Thesen Stellung.
Im ersten Artikel (S. 139-152) des zweiten Teils, welcher sich in verschiedenen Texten mit der Durchführung von Evaluation und ihrer praktischen Folgen befasst, grenzt Peter Posch zunächst die interne Evaluation (oder Selbstevaluation) von der externen Evaluation ab. Daraufhin schildert er einen Prozess der Selbstevaluation zunächst theoretisch und sodann am Beispiel des Schulprogramms Österreich, durch das ab dem Schuljahr 2002/2003 alle österreichischen Schulen zu interner Evaluation verpflichtet werden. Abschließend formuliert Posch ein paar Thesen zu Bedingungen für eine glaubwürdige Selbstevaluation.
Im zweiten Artikel des zweiten Teils (S. 153-172) widmet sich Rolf Dubs der externen Evaluation der Schulentwicklung. Dabei stellt er bei der Vielzahl der momentan stattfindenden Aktionen der Schulentwicklung die Wichtigkeit eines zentralen, von den Schulbehörden initiierten Qualitätsmanagements-Konzeptes heraus, welches Schritt für Schritt in den Schulen zu implementieren ist. In diesem Konzept muss mit dem Focus auf die Schulentwicklung die Selbstevaluation der Schule durch eine von der Schulaufsicht überprüfende Metaevaluation und durch ein extern konzipiertes Qualitätsmanagement mit Selbst- und Fremdevaluation einhergehen. Dubs zeigt hier wichtige Möglichkeiten auf.
Im dritten Artikel des zweiten Teils (S. 173-188) geht Anton Strittmatter auf Qualitätsentwicklung und Schulentwicklung ein. Dabei problematisiert er zunächst Interferenzen wie auch Synergiemöglichkeiten zwischen beiden Konzepten, bevor er mit dem Formativen Qualitätsevaluationsmodell (FQS) ein System der Selbstevaluation und der externen Beurteilungen und Rechenschaftslegungen zur Entwicklung einer Schulqualitätskultur in der Schweiz und in Österreich vorstellt.
Die Darlegung der zentralen Argumente der Podiumsdiskussion im Anschluss an die Vorträge rundet das Buch ab.
Mit diesem Buch ist es den Herausgebern gelungen, zentrale Aspekte sowohl der wissenschaftlichen als auch der praktischen Seite von Evaluation im Bildungsbereich in der aktuellen Diskussion verständlich darzulegen.
Wer einen Einblick in diese aktuelle Diskussion der Evaluation gewinnen möchte, dem kann dieses Buch uneingeschränkt empfohlen werden.
Anschrift der Autoren:
Dipl.-Psych. Lars Balzer & Dr. Andreas Frey, Zentrum für empirische pädagogische Forschung, Universität Koblenz-Landau, Friedrich Ebert Str. 12, 76829 Landau. www.zepf.uni-landau.de
Stand: 20.02.06