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Christian Nawrath
Arbeiten auf dem Schleudersitz
Trainer werden, Trainer sein, Trainer bleiben
In der vorliegenden Arbeit wurde die Welt des Fußballs unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten untersucht, genau genommen wurde der Beruf des Fußballtrainers bezüglich des so genannten „Schleudersitzes Trainerstuhl“ näher beleuchtet. Hierbei standen die Problematik der Arbeitsplatzunsicherheit sowie deren Verbindung mit dem Burnoutphänomen im Blickpunkt der Betrachtungen. Trotz der offensichtlichen Instabilität des Arbeitsplatzes Fußballtrainer finden sich bislang keine nennenswerten wissenschaftlichen Forschungsbemühungen bezüglich der Arbeitsplatzunsicherheit in diesem spezifischen Berufsfeld. In der explorativen Studie wurden aktive und ehemalige Cheftrainer der höchsten drei deutschen Ligen, also der ersten und zweiten Bundesliga sowie der Regionalligen, befragt. Hierbei kamen sowohl Fragebögen als auch Interviews zum Einsatz. Es konnten spezifische ursächliche Bedingungen, Strategien und Konsequenzen rund um den Kontext der Arbeitsplatzunsicherheit herausgearbeitet werden. Diese wurden daraufhin anhand der Bedeutsamkeit in Rangreihen gebracht und interpretiert.
Es stellte sich unter anderem heraus, dass bestimmte Risikofaktoren wie z. B. Erfolglosigkeit, Tabellenplatz und Konflikte mit dem Präsidium, der Mannschaft oder den Medien sehr bedeutsam für die (In-)Stabilität des Arbeitsplatzes sind und andere, wie z. B. Hierarchieprobleme in der Vereinsführung oder in der Mannschaft bzw. der ansteigende Erwartungsdruck von Sponsoren ebenfalls eine Rolle spielen. Aspekte wie z. B. konträre Rollenaufgaben, gesundheitliche Probleme oder fehlende Loyalität innerhalb des Trainerteams sind hingegen ohne großes Einflusspotenzial. Die Bedeutung der einzelnen Bedingungen wird zusätzlich durch die Höhe der Spielklasse und den vergangenen Erfolgen moderiert, das heißt indirekt verstärkt oder abgeschwächt. Bei den berufsspezifischen und außerberuflichen Konsequenzen der Arbeitsplatzunsicherheit konnten nicht viele eindeutige Befunde abgeleitet werden. Der Verlust der Autorität im Verein wurde aber von der Hälfte der Befragten bestätigt. Mehr als die Hälfte gab an, unter fehlender Entspannung und Schlafstörungen zu leiden, die sie auf die Arbeitsplatzunsicherheit zurückführen. Ein Drittel klagte über Kopfschmerzen. Sämtliche Konsequenzen können durch finanziellen Ausgleich, zwischenmenschliche Beziehungen und die Unterstützung des Partners moderiert werden. Ein sehr bedeutsames Ergebnis ist, dass es, im Gegensatz zu Forschungsbefunden aus anderen Berufsfeldern, nicht zu einer erniedrigten Anstrengung, erhöhten Kündigungsbereitschaft sowie erhöhten Widerstand gegen Veränderungen beim Vorliegen von Arbeitsplatzunsicherheit kommt. Es muss eher von den gegenteiligen Reaktionen ausgegangen werden. Dies deutet auf die Spezifizität des Berufsstandes der Fußballtrainer hin und hätte zur Folge, dass andere Interventionen bei der wirtschaftlichen und gesundheitlichen Optimierung des Berufs erforderlich sind. Insgesamt liegt in der professionellen Fußballtrainerbranche schon bei der Arbeitsaufnahme eine chronische Arbeitsplatzunsicherheit vor. Die chronische Arbeitsplatzunsicherheit lässt die „arbeitslosen“ Kollegen auf Entlassungen hoffen, wobei die Mehrheit der Kollegen Verständnis dafür zeigte. Hingegen wurden für die eigene Person Reaktionen wie z. B. die Anwesenheit auf der Tribüne, um sich ins Gespräch zu bringen, mehrheitlich verneint. Ein weiteres Untersuchungsziel bestand in der Integration des Burnoutphänomens in die Konzeption der Arbeitsplatzunsicherheit. Es zeigte sich, dass es bei Misserfolg zu signifikant höheren Burnoutausprägungen kommt als bei Erfolg. Dennoch liegt auch im Erfolgsfall ein erhöhtes Risiko des „Ausbrennens“ für Trainer vor. Der Trainer ist somit während der gesamten Tätigkeit einem erhöhten Burnoutrisiko ausgesetzt. Letztendlich kann in der vorliegenden Studie Burnout als alternative Konsequenz zur Entlassung angesehen werden.
Stand: 11.05.06