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Editorial
Andreas Frey, Reinhold S. Jäger und Ursula Renold
Kompetenzdiagnostik -
Theorien und Methoden zur
Erfassung und Bewertung von beruflichen Kompetenzen
Die Begriffe "Kompetenz" und "Kompetenzdiagnostik" sind spätestens seit der Publikation von Ergebnissen der PISA-Studie (OECD, 2001) Gegenstand großer nationaler und internationaler Forschungsinteressen, die auch die Berufsbildung erfasst hat (Bolder, 2002; Frey, 2004a; Frey & Jäger, 2003).
Seit Jahrzehnten steht allerdings die Diagnose und Förderung von Fachkompetenzen im Zentrum der Aufmerksamkeit der für die Entwicklung von beruflichen Kompetenzen verantwortlichen Personen und Institutionen. Gleiches gilt für die Wissenschaft selbst: Gemessen an der Anzahl von Modellprojekten und Veröffentlichungen im beruflichen Sektor, beschäftigen sich allerdings nur wenige empirische Publikationen speziell mit der Diagnostik und Entwicklung von sozialer, personaler und methodischer Kompetenz von Auszubildenden, Studierenden oder Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an Berufsschulen, in Betrieben oder Universitäten (Clement & Arnold, 2002; Frey, Balzer & Renold, 2002).
Eine erste Trendwende in Richtung einer ganzheitlichen Aus- und Weiterbildung ist seit Anfang der 90er Jahre zu verzeichnen (z. B. Fuhr, 1991; Halfpap, 1991): Seit dieser Zeit wird vermehrt auf das Innovationspotenzial der Volkswirtschaft mit dem Fokus auf die Zusammenhänge zwischen der ökonomischen Leistungsfähigkeit von Unternehmen und dem entwickelten Kompetenzstand von Mitarbeitern u. a. unter der Perspektive "Wissensmanagement" hingewiesen (Freimuth & Haritz, 1997; Frey, 2000; Koch & Mandl, 1999). Parallel dazu machen primär privatwirtschaftliche Unternehmen auf das Defizit aufmerksam, dass in der Ausbildung zu viel fachliches und zu wenig soziales und methodisches Können gelernt bzw. entwickelt wird (für schweizerische Unternehmen z. B. Cavadini-Bremen & Arnold, 1997). Sie bringen weiterhin zum Ausdruck, dass fachliches Wissen zu schnell veraltet und zukünftige Mitarbeiter deshalb verstärkt solche Kompetenzen entwickelt haben sollen, die im Bereich der sozialen und methodischen Kompetenzen verortet sind, damit sie sich selbst neues fachliches Wissen effektiv und effizient aneignen und zugleich das Unternehmen direkt durch sozial kompetentes und kluges Verhalten seiner Mitarbeiter profitieren kann (Geißler, 2003; Harney & Hartz, 2001; Heid, 2002).
DOCH WAS SIND KOMPETENZEN
UND WIE KANN MAN SIE MESSEN?
Das vorliegende Themenheft nimmt hier seinen Ausgangspunkt. Die
Intention der Herausgeber ist, in die Werkstatt von laufenden oder
erst jüngst abgeschlossenen Projekten zum Feld "berufliche
Kompetenzen" unterschiedlich fokussierte Einblicke zu geben. Es
konzentriert sich auf junge Erwachsene, Auszubildende und
Studierende - vorwiegend, aber nicht ausschließlich innerhalb des
Geltungsbereichs der Berufsschule - und versammelt unterschiedliche
Beiträge zum Themenkreis "Kompetenzdiagnostik - Theorien und
Methoden zur Erfassung und Bewertung von beruflichen Kompetenzen".
Verdeutlicht wird der breite Horizont, in den das Thema eingebettet
ist, durch die Beiträge der Autorinnen und Autoren selbst:
Die Aufmerksamkeit von Katharina Maag Merki und Urs Grob widmet sich
der Validität eines auf selbstbezogenen Kognitionen beruhenden
Indikatorensystems zu überfachlichen Kompetenzen junger Erwachsener.
Sie stellen dessen theoretische und methodische Grundlagen dar und
berichten über Befunde aus der schweizerischen Pilotstudie.
Andreas Frey und Lars Balzer wenden sich der Kompetenzdiagnostik mittels Selbstbeurteilungsbogen im dualen Ausbildungssektor zu. Sie gehen der Frage nach, inwieweit subjektive Angaben von kaufmännischen und gewerblich-technischen Lehrlingen über ihre Anwendung von sozialen und methodischen Kompetenzen reliable und valide Träger zur Erfassung von Sozial- und Methodenkompetenzen darstellen und welche Kompetenzwerte für sie diagnostiziert werden können.
Die erhöhten Lernanforderungen von Mitarbeitern in Unternehmen thematisiert Simone Kauffeld. Im Rahmen ihrer Untersuchung zieht sie zur Messung der beruflichen Handlungskompetenz das Selbstkonzept beruflicher Kompetenz und die Kompetenz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim Bewältigen einer Optimierungsaufgabe innerhalb ihres Arbeitsbereichs heran.
Mit der medienbezogenen
Kompetenz von angehenden Lehrern beschäftigt sich Sigrid Blömeke.
Sie beschreibt anhand beruflicher Aufgaben von Lehrpersonen ein
Modell medienpädagogischer Kompetenz, welches bei
Lehramtsstudierenden zu Beginn ihres Studiums empirisch überprüft
wurde.
Gerald A. Straka und Katja Lenz gehen der Frage nach, welchen
Einfluss individuelle und kontextspezifische Variablen auf die
Fachkompetenz von kaufmännischen Auszubildenden haben. Hierzu haben
sie ein Strukturmodell entworfen, welches in einer Pilotstudie
empirisch überprüft wurde.
Verschiedene Ansätze, wie pädagogische Professionalität in der
Lehrerbildung empirisch erfasst werden kann, beschreibt Thomas
Diehl. Hierbei vertritt er die Auffassung, dass jede
erziehungswissenschaftliche Analyse hinsichtlich der Kompetenzen der
Lehrenden eine Beschäftigung mit den pädagogischen Aufgaben und
deren professionellen Bearbeitung voraussetzt. Auf der Basis solcher
identifizierter Merkmale zeigt er auf, welche Forschungsdesigns sich
zur empirischen Erhebung besonders eignen.
Die Vielfalt der Kompetenzkonzepte und der zunehmend unreflektierte Gebrauch der in deren Medium verwendeten Begriffe zeigt Rainer Bodensohn auf. Zugleich liefert er einen Ansatz, wie man mit Hilfe bildungstheoretischer Reflexion zur Klärung von Grundbegriffen beitragen kann.
Die Beiträge erlauben auch Zukunftsperspektiven für die berufspädagogische Forschungslandschaft zu formulieren, denn der derzeitige Erkenntnisstand über die Diagnostik und Entwicklung von sozialen, methodischen und personalen Kompetenzen bei Auszubildenden, Studierenden sowie Beschäftigten in Unternehmen bleibt unbefriedigend (z. B. Achtenhagen, 1997; Frey, 2004a; 2004b). Zu den einzelnen Facetten dieser Thematik liegen zwar gesicherte Erkenntnisse vor, sie sind aber keineswegs hinreichend ausgeleuchtet, und trotz der gewonnenen Aussagen und Erklärungen über die Strukturen und das Funktionieren des beruflichen Handelns bleiben - wie zu Beginn eines Puzzles - noch viele weiße Flecken offen. Benötigt wird eine weitergehende, stärker grundlagenorientierte Forschung, die gezielt auf das unmittelbare Handeln der Diagnostiker und der Diagnostikanden innerhalb konkreter Kontexte fokussiert ist. Sie muss zudem Verhaltensdispositionen mit den beruflichen Selbstbildern und Kompetenzen, den Sozialisationsprozessen mit ihrer Grundlegung von Einstellungen, Werten und Tugenden, den situativen Gegebenheiten sowie die biographische Genese von Kompetenz in Verbindung bringen. Diese Forschung wird dann einen weiteren Beitrag zur Determination von Verhalten leisten.
Des weiteren stellen die von den einzelnen Autorinnen und Autoren dargelegten und verwendeten Instrumentarien zur Erfassung von beruflichen Kompetenzen einen ersten methodischen Einstieg dar, um das Diagnostikproblem von nichtfachlichen beruflichen Kompetenzen primär mit quantitativen Messverfahren pädagogisch und psychologisch anzugehen. Somit kann Kompetenzentwicklung bzw. Kompetenzerwerb als ein Ergebnis von unterschiedlichen empirischen Analysen besser messbar, erfassbar, zurechenbar und bewertbar gemacht werden (kritisch dazu Faulstich, 1999).
Nach Frey (2004b) ist es auch für die Berufspädagogik unerlässlich geworden, Lehrkräfte und Dozenten sowie betriebliche Ausbilder und Erwachsenenbildner für den diagnostischen Prozess (siehe dazu Jäger, Frey, Wosnitza & Flor, 2001) noch stärker zu sensibilisieren, um berufliche Kompetenzen unbedingt mit in der Praxis bewährten Instrumenten auf der Individual- und Gruppenebene zu erheben, dann einem Soll-Profil gegenüberzustellen und anschließend Fördermaßnahmen zu initiieren. Eine normorientierte Vorgehensweise muss allerdings mit einer kriteriumsorientierten untermauert bzw. verbunden werden, indem Ist- bzw. Gruppen-Profile generell mit einem definierten Soll-Profil referenziert werden Für einen solchen Abgleich stehen zwar noch weitere statistische Methoden aus der Sozialwissenschaft zur Verfügung, sie müssen aber oft erst noch für die Praxis geöffnet werden.
Weiterhin sollte die Berufspädagogik - im Sinne von Nachhaltigkeit einer Evaluation für die untersuchten Personen selbst - die Verpflichtung eingehen, individuelle Kompetenzergebnisse den evaluierten Personen im Sinne einer pädagogischen Beratung unbedingt von ausgebildeten Kompetenzberatern sinnvoll rückzumelden.
Die in den Projekten von Frey (2004b) durchgeführten Kompetenzrückmeldungen haben gezeigt, dass ohne den Schritt der Rückmeldung in Verbindung mit einer pädagogischen Beratung die Ergebnisse für die betreffenden Personen oft nur unverbindlich "im Raum" stehen bleiben und für sie in der gegenwärtigen oder künftigen Arbeitstätigkeit nur begrenzt bzw. erst gar nicht handlungsleitend werden können. Mit Hilfe der Kompetenzrückmeldung und Kompetenzberatung konnte auch dem weitverbreiteten (Vor-)Urteil, dass Kompetenzerhebungen "den Probanden nichts bringt", begegnet werden, da jedes Individuum eine sinnvolle Rückmeldung bekam und beraten wurde, wohin in nächster Zeit die Kompetenzentwicklung ausgerichtet werden soll. Somit verlieren interne oder externe Kompetenzerhebungen auch ihre individuelle Unverbindlichkeit für die Person selbst.
Die Herausgeber sowie die
Autorinnen und Autoren wünschen sich, dass die in diesem Buch
vermittelten Einblicke in die aktuelle berufspädagogische
Kompetenzforschung zu weiterführenden Überlegungen anregen und
insgesamt helfen, die Anzahl empirisch-analytischer Studien zur
Kompetenzdiagnostik im beruflichen Bildungssektor zu vergrößern.
Landau und Bern
März 2005
Andreas Frey, Reinhold S. Jäger und Ursula Renold
Stand: 26.02.05