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Heiligenthal, R. (Hrsg.). (2006)
Kinderuniversität Landau
(VEP-Aktuell
6)
ISBN 3-937333-12-6, 145 S., € 14,90
Kleine Menschen – große Hoffnungen
Im Sommer 2004 fand an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau, zum ersten Mal die Kinder-Universität statt. Das Programm richtete sich an Kinder zwischen 8 und 12 Jahren, die in den Angeboten Interessantes über Themen aus der Biologie, der Geografie, der Psychologie und Erziehungswissenschaft (über Lernen, Problemlösen und Physiologie) sowie über kulturgeschichtliche Inhalte vermittelt bekamen. Das Spektrum wurde erweitert durch kreative Auseinandersetzungen mit dem Thema Jugendstil über die bildnerische Gestaltung. Der rege Zuspruch gibt den Veranstaltern eine positive Rückmeldung – der Aufwand hat gelohnt, denn insgesamt besuchten rund 500 Kinder die 7 Veranstaltungen der Landauer Kinderuni 2004.
Kinderuniversitäten durchzuführen ist kein Privileg der Landauer Universität. Vielmehr stößt man bei der Recherche auf eine Vielzahl von Universitäten und universitärer Institute, die besondere Lernangebote für die Gruppe der Kinder bis hin zu den jungen Erwachsenen bereit halten, und damit eine breite Palette von Themengebieten und Erfahrungsmöglichkeiten und auch Einblicke in die Welt der Wissenschaft und Forschung bieten. Kinderuni ist keine auf Deutschland begrenzte Idee, sondern wird seit Jahren erfolgreich in Ländern der ganzen Welt praktiziert.
Die Landauer Kinderuni wurde nicht nur von den Kindern der angesprochenen Altersgruppe gut besucht: Viele Eltern, Großeltern und sonstige „Begleitpersonen“ waren nicht nur in Warteposition vor den Türen des Hörsaals, sondern genauso in den Bankreihen neben den Kindern zu finden. Vielleicht war es die Neugier darauf, was die Kinder erwartet, was diese erfahren werden, vielleicht war es aber auch der eigene Wissensdurst, der die „Großen“ in die Bankreihen lockte.
Zudem fand man unter der eigentlichen Zielgruppe der „Kleinen“ auch manche „noch Kleinere“, nämlich Kinder, denen die Tischkante des Schreibpults fast bis zur Nasenspitze reichte – mit Bildung kann man eben nie früh genug beginnen, oder!?
Kinderuni ist eine Herausforderung. Nicht nur für Diejenigen, die den Lernstoff vielleicht zum ersten Mal nicht für Studierende, sondern für die ganz jungen Menschen aufbereiten müssen, denen abstrakte Begriffe und wissenschaftliche Schaubilder nichts oder (noch) nicht viel sagen. Hier heißt es umdenken und reindenken, in die Art, wie Kinder Dinge angehen, was sie interessant finden könnten, wie man ihnen vielleicht auch trockene Lernmaterie schmackhaft machen kann. Sieben Dozentinnen und Dozenten und eine ganze Reihe von Mitstreitern haben sich dieser Mühe unterzogen. Die Mühe mag als solche vielleicht gar nicht empfunden worden sein, da die Auseinandersetzung mit Themen unter dem Blickwinkel von Kindern eine durchaus reizvolle Angelegenheit ist. Der Aspekt des Spielerischen, nicht Hochgestochenen aber dennoch Ernsten ist ein Erfolg versprechender Zugang zu Wissen – und dies nicht nur für Kinder.
Kinderuni ist eine Herausforderung. Natürlich auch für die Adressaten.
Es ist schon in der Schule gar nicht so einfach, über einen längeren Zeitraum konzentriert zu bleiben. In einem Hörsaal von der Größe einer Turnhalle und mit weiteren 200 Kindern zusammen etwas über ein völlig neues Thema zu hören, ist eine Erfahrung, über die wahrscheinlich die wenigsten der jungen Zuhörer verfügten. Umso bewundernswerter war der Eifer und auch die Disziplin, mit der die Wissenshungrigen den Dozentinnen und Dozenten lauschten. Dieser Eifer mag als Indiz dafür gelten, dass die „Lehrenden“ mit ihrer Art der Aufbereitung der Inhalte und auch mit der Themenwahl selbst den Geschmack der Kinder getroffen haben müssen. Denn Kinder reagieren sehr sensibel und merken schnell, wenn etwas „über ihre Köpfe hinweg“ erzählt wird. Dies war nicht der Fall. Ein Kompliment an die jungen Zuhörer und Mitwirkenden, denn auch dies war ein wichtiger Aspekt bei der Kinderuni: Das Mitmachen, das Experimentieren und Ausprobieren. Obwohl das bei einer derart hohen Zahl von Kindern sicher nicht einfach ist.
Kinderuni ist eine Herausforderung. Für die Veranstalter ebenso. Nur eine vergleichsweise geringe Zahl von Dozenten hat den Ball aufgegriffen und sich Gedanken darüber gemacht, was für Kinder aus dem eigenen Studien- oder Forschungsbereich interessant sein und auf welche Art man dieses Interessante vermitteln könnte. Damit Kinder es verstehen und davon etwas mit nach Hause nehmen. Wir sind sicher, dass jedes Fachgebiet, das an der Universität Landau unterrichtet wird, etwas hergibt, das auch Kinder zu faszinieren vermag. Und wir sind sicher, dass wesentlich mehr Dozenten einen Beitrag leisten könnten, um ihr Wissen auch an die junge Zuhörerschaft weiter zu geben, Wissen, das Vielfalt ist und neugierig macht, das Einblicke in die Welt der Erwachsenen gibt und zugleich zeigt, dass diese Welt nicht nur den Großen vorbehalten ist.
Für die nächste Kinderuni wünschen wir uns mehr des Guten, das bereits bei dieser ersten Veranstaltung die Kinder in Staunen versetzt hat. Wir regen an, in einen Austausch auch mit den Kindern zu treten, damit deren Wissens-Bedürfnisse für die Dozentinnen und Dozenten transparent werden und eine gezielte Antwort auf bestimmte Fragen, welche Kinder beschäftigen, gegeben werden kann. Es sind so viele Wege möglich, die man hier gehen könnte. Und es wäre ausgesprochen reizvoll, sich auf diese Weise noch besser an den Wünschen der Klientel zu orientieren. Es würde uns Alle sicher erstaunen, welche Gebiete Kindern wissenswert erscheinen und wie viel Vertreter der Universität vor Ort hier mit entsprechend aufbereiteten Informationen aufwarten können.
Kinderuni ist eine Herausforderung. Für die Eltern, die Großeltern und die Begleiter/innen der Kinder. Hier könnte man einen kleinen Satzergänzungstest, eine Frage mit „offenem Ende“ stellen: „Sie haben Ihr Kind, Ihre Kinder an die Kinderuniversität gebracht, damit es/sie dort ...?“
Um es vorweg zu nehmen: Kinderuni möchte weder kleine Professorinnen und Professoren aus den Kindern machen, noch will sie eine zukünftige Elite entdecken helfen oder gar produzieren. Was Kinderuni aber sicher vermag ist das Wecken von Interesse an einem bestimmten Thema und ebenso kann ihr Angebot als sinnvolle Art der Beschäftigung gelten. Ein schöner Effekt wäre es auch, wenn Kinder die Erfahrung machen können, dass hier ohne Druck und abgesetzt von den Kriterien schulischer Bewertung gelernt werden kann.
Kinderuni ist eventuell auch eine gewisse Konkurrenz zu Computer und Gameboy, Fernsehen und DVDs. Dennoch wirkt Kinderuni sicher nicht als Gegenströmung, denn dazu müsste sie häufiger stattfinden.
In welcher Absicht melden Eltern ihr Kind zur Kinderuni an? Haben sich Eltern hierüber Gedanken gemacht? Soll dem Kind Kurzweil beschert werden und dies in dem bisher ungewohnten, neuen und reizvollen Ambiente einer „echten“ Universität? Sind die Kinder in die Entscheidung mit eingebunden worden, haben vielleicht sie den Wunsch an die Eltern heran getragen, die Vorlesungen zu besuchen? Oder war es eher umgekehrt?
In einer Zeit, in der engagierte Eltern sehr, sehr viel für das Wohl ihrer Kinder unternehmen können, stellt die Kinderuni eventuell einen Puzzlestein für das Nach-Vorne-Bringen des eigenen Nachwuchses dar. Die Klientel, die sich zu diesem Anlass auf dem Campus versammelt hatte, war „nicht von schlechten Eltern“.
Eine kleine, durchaus kritische Stimme wollen wir erheben, um darauf aufmerksam zu machen, wen Bildungsangebote für Kinder erreichen und in welche der gesellschaftlichen Schichten diese Angebote durchdringen. Und warum dies so ist. Alle, die auf dem Campus waren, um ihre Kinder dort für die Veranstaltungen einzuschreiben, können diese Frage wohl selbst beantworten. Unser Eindruck ist, dass diejenige Gruppe von Kindern, die vielleicht weniger Chancen in ihrer eigenen Familie haben, mit Bildung und Kultur in Berührung zu kommen, auch bei der Kinderuni eher schwach vertreten war. Dies ist kein Vorwurf an die Eltern, die ihre Kinder frühzeitig und reichlich mit Anregungen versorgen wollen und ihre Kinder entsprechend fördern und coachen.
Aber Mütter und Väter kennen im Normalfall die Klassenkameradinnen ihrer Kinder, wissen auch, wer zu den weniger vom Schicksal Begünstigten gehört. Wie wäre es, wenn hier stärker der Aspekt der gemeinsamen Teilhabe zum Tragen kommen könnte und Eltern mithelfen, auch Kinder bzw. deren Eltern zu erreichen, denen die Wahrnehmung zusätzlicher Bildungsmöglichkeiten eher fern ist? Dies als Anregung für die nächste Landauer Kinderuni.
Die erste Landauer Kinderuni war ein Erfolg. Die zweite Landauer Kinderuni 2005 soll ebenfalls ein Erfolg werden. Schon jetzt geht es darum, Themen und Dozentinnen und Dozenten zu finden, welche die Idee der Kinderuni weitertragen. Zum Wohl der Kinder, aller Kinder.
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Stand: 13.05.06